Verfasser: Mathias Berg
Diplomarbeit:
Fachbereich 4: Studiengang Sozialpädagogik
Referent: Prof. Dr. Rainer Hess
Korreferent: Prof. Dr. Michael Märtens
Vorgelegt beim Prüfungsamt des Fachbereichs 4 der
Fachhochschule Frankfurt/M.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung........................................................................... 5
1. Der
provokative Ansatz......................................... 8
1.2.1 Gegenstandsbeschreibung
und Definition.......................................... 10
1.2.2 Zentrale
Annahmen und Hypothesen............................................... 11
1.3 Differenzierung
des provokativen Ansatzes........................................ 14
1.3.2 Einsatz
des Provokativen Stils.......................................................... 15
1.3.3.2 Die
Führung und der Längere Hebel.............................................. 19
1.3.3.3 Direktiv
versus nondirektiv........................................................... 20
1.3.4 Elemente
und Techniken des provokativen Ansatzes....................... 21
1.3.5 Zusammenfassendes
Schaubild des Provokativen Stils..................... 26
2. Sozialpädagogik...................................................... 28
2.1 Gegenstandsbeschreibung
und Definition.......................................... 28
2.1.2 Arbeitsbereiche
und Aufgaben der Sozialen Arbeit........................... 29
2.1.3 Merkmale
und Spannungsfelder der Sozialen Arbeit......................... 30
2.1.3.1 Das
doppelte Mandat.................................................................... 31
2.2 Methoden
der Sozialen Arbeit.............................................................. 32
2.2.1 Gegenstandsbeschreibung
und Definition von Methoden................. 33
2.2.1.1 Differenzierung
der Begrifflichkeiten............................................. 34
2.2.1.2 Definition
sozialpädagogischer Methoden.................................... 36
2.3 Sozialpädagogische
Beratung............................................................... 38
2.3.1 Gegenstandsbeschreibung
und Abgrenzung....................................... 38
2.3.1.1 Funktionale
Beratung..................................................................... 41
2.3.1.2 Institutionale
Beratung.................................................................. 41
2.3.2 Konsequenzen
sozialpädagogischer Beratung................................... 41
2.3.2.1 Methoden
und Verfahren sozialpädagogischer Beratung............... 42
2.4 Abgrenzung:
Sozialpädagogik – Psychotherapie................................ 43
2.4.1 Institutionale
sozialpädagogische Beratung - Psychotherapie........... 45
3. Beziehungsthematik............................................... 47
3.1 Gegenstandsbeschreibung
und Definition.......................................... 47
3.1.1 Definition
von Beziehung.................................................................. 48
3.2 Zwischenmenschliche
Beziehungen.................................................... 48
3.2.1 Lebensnotwendige
soziale Verbindungen.......................................... 49
3.3 Beziehungsformen
– Beziehungen in Rollen..................................... 50
3.3.1 Grundannahmen
der interaktionistischen Rollentheorie.................... 50
3.3.2 Formelle
und informelle Beziehungen................................................ 52
3.3.3 Das
Aushandeln der Rollen von Sozialpädagoge und Klient............. 54
3.3.3.1 Drei
Grundarten von Beziehungen................................................ 55
3.3.4.1 Berufsethische
Grundsätze............................................................ 57
3.4.1 Kompetenzen
in der Beziehungsarbeit.............................................. 60
3.4.1.1 Instrumentelle
Kompetenz............................................................ 60
3.4.1.2 Reflexive
Kompetenz und Verfügung über sich selber.................. 61
3.4.1.3 Soziale
Kompetenz........................................................................ 62
4.1 Psychologische
Methoden und Konzepte in der Sozialen Arbeit..... 66
4.2 Der
provokative Ansatz in der sozialpädagogischen Beziehungsarbeit 71
4.2.2 Rechtfertigung
und Begründung sozialpädagogischer Interventionen 74
4.3.1 Die
Handlungsaufträge von Sozialpädagogen und Klienten............... 77
4.3.2 Ein
Modell der Intervention.............................................................. 79
4.3.2.1 Die
vier Elemente zur Differenzierung der Situation..................... 80
4.3.3 Provokativ-sozialpädagogische
Beziehungsarbeit............................. 82
4.3.3.1 Der
Gute Draht zum Klienten....................................................... 83
4.3.3.2 Haltung
und Klientenbild des Sozialpädagogen............................. 84
4.3.3.3 Der
Längere Hebel in der Beziehungsarbeit................................... 85
4.4 Der
provokative Ansatz in der institutionalen Erziehungsberatung 91
4.4.1 Praxisfeldbeschreibung
und Definition.............................................. 91
4.4.2 Der
Beratungsansatz in der Erziehungsberatung............................... 93
4.4.3 Provokative
Interventionen in Eltern- und Familiengesprächen........ 95
5. Resümee
und Ausblick.......................................... 101
6. Literatur-
und Quellenverzeichnis............... 105
Einleitung
Der Titel der
vorliegenden Diplomarbeit „Der provokative Ansatz in der sozialpädagogischen
Beziehungsarbeit“ beinhaltet die zwei wesentlichen Komponenten meiner
Auseinandersetzung mit der Thematik. Mich interessieren dabei der Aspekt des
provokativen Ansatzes und der Aspekt der sozialpädagogischen Beziehungsarbeit.
Meine Motivation die Arbeit zu schreiben, wird in den folgenden zwei
Abschnitten dargelegt.
Als ich zum Ende
des Jahres 2001 mein Studium an der Fachhochschule Frankfurt am Main aufnahm,
war mein Bild von Sozialer Arbeit noch recht blass. Die Vielzahl der möglichen
Arbeitsfelder und des praktischen Tätigwerdens von Sozialpädagogen trugen nicht
eben dazu bei, meine Betrachtung zu konkretisieren. Durch weitere Beschäftigung
mit der Profession der Sozialpädagogen wurde jedoch für mich sichtbarer, was
gemeinsamer Gegenstand in nahezu allen sozialpädagogischen Arbeitsfeldern ist: die
Arbeit in der Beziehung. Sie gestaltet
maßgeblich den Charakter der Sozialen Arbeit und bildet das Herzstück und die
Grundvoraussetzung für den Einsatz sozialpädagogischer Methoden. Professionelle
Beziehungsarbeit ist im Bereich Sozialer Arbeit ein sehr unstrukturiertes Feld.
Vielmehr wird die Gestaltung der Beziehung dem Sozialpädagogen selber
überlassen, oder aber diese ist an eine Methode gekoppelt und besitzt nur in
einem bestimmten Arbeitsfeld Gültigkeit. Ist es überhaupt möglich, eine derart
von individuellen Aspekten geprägte Leistung wie Beziehungsarbeit zu
strukturieren? Kann eine solche Struktur allgemeingültige Verfahrenswege für
die unzähligen Arbeitsbereiche der Sozialpädagogik bereitstellen?
Bei meinem
ersten Kontakt mit dem provokativen Ansatz
von Frank Farrelly, konnte ich noch nicht ahnen, welche Faszination er später
einmal auf mich ausüben sollte. Der Ansatz erschien mir im Vergleich zu anderen
Methoden und therapeutischen Konzepten die ich bis dahin in meinem Studium
kennengelernt hatte, authentischer und realitätsorientierter zu sein. Offen
blieb jedoch für mich die Frage, wie die methodischen Vorgänge beim therapeutischen
Gespräch beschaffen sind. Auch die Wirkung der Methode war für mich nicht genau
zu erfassen. Ich war der festen Überzeugung, dass die provokative
Vorgehensweise, auch wenn bestimmte Techniken erlernbar sind, in ihren
wesentlichen Momenten nicht kopiert oder adaptiert werden könnte. Klienten
eines Psychotherapeuten hätten eventuell die Voraussetzungen, dessen
ironischen, satirischen und verallgemeinernden Aussagen zu folgen. Lässt sich
jedoch der provokative Ansatz auch auf weniger gebildete Klienten, wie sie die
Soziale Arbeit kennt, übertragen?
Die vorliegende
Arbeit versucht nun die beiden eben skizzierten Momente zu verbinden und
Struktur in das scheinbar wahllose Durcheinander der Beziehungsgestaltung von
Sozialpädagoge und Klient zu bringen. Eine Möglichkeit zur Strukturierung
bietet meiner Ansicht nach der provokative Ansatz, wie ihn Frank Farrelly für
die „Provokative Therapie“, entwickelt hat. Der Ansatz beschreibt ein
innovatives methodisches Vorgehen für die Beziehungsarbeit, das neue Perspektiven
eröffnet. Dabei hat dieser noch keinen spürbaren Einfluss in die Soziale Arbeit
gefunden. Durch eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem provokativen
Ansatz möchte ich versuchen, seine Einflussmöglichkeiten auf die Soziale Arbeit
zu verdeutlichen und aufzeigen, dass aus der gemeinsamen Schnittmenge beider
Bereiche wertvolle Erträge für die Soziale Arbeit resultieren können. An diesem
Punkt drängen sich weitere Fragen auf: In wieweit können diese Erträge die
sozialpädagogische Beziehungsarbeit bereichern? Kann bei diesem Transfer von
therapeutischen Techniken eine trennscharfe Differenzierung zwischen ihnen und
sozialpädagogischen Ansprüchen gelingen? Im Hinblick auf die auf die Aufgaben
Sozialer Arbeit ist es daher von Bedeutung, den provokativen Ansatz
entsprechend anzupassen.
Ziel der Arbeit
soll sein, den provokativen Ansatz entscheidend von seinem
psychotherapeutischen Kontext abzugrenzen und loszulösen, um ihn für weitere
sozialpädagogische Felder anwendbar zu machen. Weiterhin ergibt sich dadurch
die Möglichkeit eine Methode zu erhalten die psychosoziale Beziehungen in der
Sozialen Arbeit neu zu strukturieren vermag. Aus der dargestellten Überlegung
ergibt sich folgende inhaltliche Gliederung:
Zunächst sollen
in den Kapiteln 1 – 3 die zentralen Begrifflichkeiten betrachtet werden: Im
ersten Kapitel wird die Theorie des provokativen Ansatzes mit seinen Kennzeichen und Elementen erläutert. Da
dieser Ansatz aus dem Kontext der Psychotherapie, in den der Sozialen Arbeit
transferiert werden soll, schließt sich daran im zweiten Kapitel die
Darstellung der Profession der Sozialpädagogik an. Innerhalb der Beschreibung dieses Berufsfeldes
wird im Hinblick auf die spätere Methodenentwicklung im vierten Kapitel,
besonders auf die Methoden der Sozialpädagogen und Sozialarbeiter eingegangen.
Das dritte
Kapitel dieser Arbeit setzt sich explizit mit dem Begriff Beziehung auseinander. Hierbei sollen die Rolle des
Sozialpädagogen und seine Beziehung zum Klienten*,
sowie die notwendigen Voraussetzungen für Beziehungsarbeit genannt werden. Dies
ist im Hinblick auf die nächsten Schritte bedeutsam, die für die Adaption
provokativer Einstellungen und Interventionen eine Definition von
sozialpädagogischen Beziehungen verlangen.
Im vierten
Kapitel werden die zwei zentralen Begriffe „provokativer Ansatz“ und
„Sozialpädagogik“ zusammengeführt und in das in Kapitel 3 herausgearbeitete
Verständnis von Beziehungsarbeit eingefügt. Es soll eine Möglichkeit aufgezeigt
werden, wie methodisch-strukturierte Beziehungsarbeit unter Verwendung des
provokativen Ansatzes praktikabel wird und wo ihre Grenze bemessen ist.
An dieser Stelle
möchte ich bei den Menschen bedanken, die mich im Entstehungsprozess meiner
Diplomarbeit unterstützt, und mir Kritik und Anregungen gegeben haben. Unter
diesen möchte ich besonders hervorheben:
·
Holger und Sandra Kubas für Korrekturen und
Rückmeldungen bezüglich meiner Arbeit,
·
Janine Braun für die lebendigen Diskussionen und die
wertvollen Ideen, die daraus einstanden sind, sowie für ein stets offenes Ohr
und nicht zuletzt,
·
Evdokimos Moisidis für seine Zeit, seinen Rat und die
Reflexion meiner Gedanken in Momenten, die von Unklarheit gekennzeichnet waren.
* Aus Gründen der Leserlichkeit werde ich stets nur eine Geschlechtsform gebrauchen. Eine Wertung ist damit nicht verbunden.
1. Der
provokative Ansatz
1.1 Frank
Farrelly
Frank Farrelly
wurde 1931 in Missouri, USA, geboren und ist Begründer der „Provokativen
Therapie“. Er studierte Soziale Arbeit und Psychologie und war viele Jahre
Professor an der Universität Wisconsin.[1]
Warm, sarkastisch, humorvoll, unterstützend und kraftvoll effektiv sind
Eigenschaften, die eng an die Provokative Therapie gekoppelt sind.
Noch während
seines Studiums Ende der 50er Jahre arbeitete Frank Farrelly im „St. Elisabeth
Hospital“ in Washington D.C., in dem er zum ersten Mal mit den Werken der
Methode von Carl Rogers in Berührung kam.
Fortan
behandelte Farrelly seine Patienten mit dessen Klientenzentrierten Ansatz.
Dieser zeigte bald phänomenale Erfolge und beeinflusste seine professionelle
Arbeit maßgeblich. Farrelly nahm hierauf eine Anstellung im „Mendota
Landeskrankenhaus“ in Madison, Wisconsin, an. Er arbeitete dort als Therapeut
mit den „Kränksten der Kranken“ wie er es selbst beschreibt.[2]
Darunter waren Patienten, bei denen schwerste Psychosen, chronische
Schizophrenie, Depressionen oder verschiedenste Suchtmittelabhängigkeiten
diagnostiziert wurden. Ein weiterer wichtiger Grund für seinen
Arbeitsplatzwechsel war, dass er in Madison in der klientenzentrierten Gruppe
Rogers und dessen Forschungsprojekt arbeiten konnte (1961 – 1963).
Die Arbeit mit
Carl Rogers in Madison wirkte sich sehr konstruktiv auf ihn aus. In vielen
Therapiesitzungen, Supervisionen, aufgenommenen Tonbändern von seinen Sitzungen
und Therapienachbesprechungen machte Farrelly grundlegende Feststellungen
darüber, wie Klienten sich verhalten, und worauf sie reagieren. So z.B., dass
„psychisch Kranke“ überhaupt nicht den Kontakt zur Realität verloren hätten,
und dass es diesen Klienten sehr gut tue, auf bestimmte Art und Weise in die
Verantwortung für ihr Denken, Tun und Handeln genommen zu werden.
Vieles stimmte
nicht mehr überein mit dem klientenzentrierten Vorgehen, dass er seit Jahren
verwendete. Die passive, traditionelle Rolle des Therapeuten wurde immer
weniger stimmig für Farrelly und sein Vorgehen wurde aktiver und provokativer.
Die Erfolge,
Feedbacks und positiven Entwicklungen seiner Patienten gaben ihm Recht. Mit
beeindruckender Wirkung verhalf die „Provokative Therapie“ vielen seiner
Klienten in kürzester Zeit zur „Gesundung“ und Farrelly erlangte weltweite
Beachtung. Seine These: „Patienten können sich verändern, wenn sie sich dazu
entschließen – und wie!“[3]
stellt noch einmal die von ihm gemachte Erfahrung heraus, dass jeder Mensch
selbst über genügend Ressourcen verfügt, um sich aus jeder Problemlage zu
manövrieren.
[1] Vgl. Hain 2001, S.61
[2] Vgl. Farrelly/Brandsma 1986, S.12
[3] Farrelly/Brandsma 1986, S.27
1.2 Provokative
Therapie
Provokative
Therapie ist phasenweise skandalös und unkonventionell und drückt das volle
Spektrum menschlicher Gefühle und menschlichen Verhaltens aus. Sie bringt
Menschen dazu, zu lachen: Über sich selbst, über die Welt und jene in ihrer
Umgebung, selbst über den Therapeuten. Sie führt den Klienten eher in eine
Haltung, sich aktiv selbst zu verteidigen, anstatt angestrengt und depressiv zu
versuchen, sich selbst, den Therapeuten und auch die Welt um sie herum zu
überzeugen, dass das Leben hoffnungslos ist.
Im Folgenden
soll erläutert werden, was Provokative Therapie ist, auf welchen Annahmen sie
aufbaut und wie sich der Provokative Stil in Haltungen und Interventionen
ausdrückt. Die Gewichtung liegt dabei besonders auf letzterem, den Haltungen
und Interventionen. Bei der späteren Integration des provokativen Ansatzes in
die sozialpädagogische Beziehungsarbeit werden jene eine gewichtige Rolle
spielen.
1.2.1 Gegenstandsbeschreibung
und Definition
Es wurde schon
häufig versucht, die Provokative Therapie Farrellys in das Schema psychotherapeutischer
Schulen und Systeme einzuordnen. Heute wird sie allgemein zur kognitiven
Verhaltenstherapie oder zu den psychotherapeutischen Kurzzeitverfahren
gerechnet. Der von Farrelly Anfang der 60er Jahre entwickelte Ansatz ist in
seiner Vorgehensweise und Haltung in der Psychotherapie einzigartig.
„Er beschreibt
eine Beeinflussungsmethode, die mit Humor und Herausforderung arbeitet. Es
kommt vor allem darauf an, Gelächter und Widerstand – und zwar in die
gewünschte Richtung – zu provozieren.“[1]
„Provokativ“ ist
im Kontext der Psychotherapie im ursprünglichen Sinne von „pro“ und von
„vocare“, was aus dem lateinischen übersetzt hervorrufen oder herausfordern bedeutet, zu verstehen. Der Klient wird in der
Provokativen Therapie nicht als Opfer (weder seiner Selbst, noch äußerer
Begebenheiten) gesehen, sondern als gleichwertiger, für sich selbst
verantwortlicher Mensch. „Die Therapie ist kein Ort der intellektuellen
Diskussion, sondern ein Ort der Veränderung.“[2]
Das provokative
Vorgehen dockt direkt an den tiefsten, inneren Überzeugungen des Klienten an.
Der Therapeut begleitet den Klienten in seine „konstruierte“ Welt und bestätigt
ihn in seinem Denken und Handeln. Er begibt sich auf die Seite des Ratsuchenden
und übertreibt, überbetont oder verzerrt die für den Klienten oft so
aussichtslose und problembeladene Wahrnehmung und Ansicht. Es ist Aufgabe des
Therapeuten, den Klienten genügend, aber nicht maßlos herauszufordern, um ihn
zu provozieren, neue Verhaltensmuster zu benutzen. Mit dem Ziel: wo Erstarrung
herrscht, soll Lebendigkeit zurückkehren.
Im diesem
Kapitel sind die Begriffe „Provokative Therapie“, „Provokativer Stil“ sowie
„provokativer Ansatz“ mit unterschiedlichen Bedeutungen versehen. Während
Provokative Therapie die psychologische Therapiemethode als Ganzes begreift,
also als Einheit von Methode und Techniken im therapeutischem Kontext, stellt
der Provokative Stil, von diesem Bezugsrahmen losgelöst, jenes typisierte
Vorgehen mit Menschenbild, Haltungen und Interventionstechniken als stilistische
Elemente dar. Die Bezeichnung provokativer Ansatz charakterisiert dagegen den
psychologischen Ansatz in seiner Grundüberlegung, Menschen auf provokative,
herausfordernde Art zu begegnen. Dies schließt die Provokative Therapie und den
Provokativen Stil als spezielle Handlungsform bzw. Gestaltungsmaximen dieser
notwendigerweise mit ein.
1.2.2 Zentrale
Annahmen und Hypothesen
Um den
Provokativen Ansatz in seiner ganzen Bandbreite zu verstehen, ist es zunächst
notwendig, auf neun zentrale Annahmen, die in zwei zentrale Hypothesen münden,
einzugehen, welche sich während Farrellys Arbeit nach und nach
herauskristallisierten.
Die Provokative
Therapie geht davon aus, dass jeder Mensch, der mit einem anderen Menschen in
Beziehung steht, (wohl oder übel) stillschweigend Vorstellungen darüber hat,
wie mit diesem umzugehen ist, um Änderungen in Einstellungen, Affekten und
Verhalten zu bewirken. Annahmen dieser Art können nicht ausgeschaltet oder
übergangen werden. Sie sind eine „Conditio sine qua non“*
jeder zwischenmenschlichen Beziehung.
Die neun
Annahmen der Provokativen Therapie verdeutlichen die Erfahrungen Farrellys und
bilden gleichzeitig die Basis, auf der das theoretische Gerüst provokativen
Arbeitens aufbaut.
Die zentralen
Annahmen der Provokativen Therapie heißen:[3]
1. „Menschen
verändern sich – Sie wachsen innerlich, wenn sie auf eine Herausforderung
reagieren“
2. „Patienten können sich ändern, wenn sie
wollen“
3. „Patienten haben weit mehr
Möglichkeiten, eine schöpferische und angepasste Art des Lebens zu entwickeln,
als sie oder die meisten Kliniker es annehmen“
4. „Die psychische
Zerbrechlichkeit der Patienten wird in hohem Maße überschätzt – von ihnen
selbst und von anderen“
5. „Die schlecht angepassten,
unproduktiven, antisozialen Haltungen und Verhaltensweisen eines Patienten
können drastisch verändert werden, auch bei ernsten Störungen und chronischem
Verlauf“
6. „Der
Umgang des Patienten mit dem Therapeuten spiegelt relativ genau sein normales
Verhalten in sozialen und zwischenmenschlichen Beziehungen wider“
7. „Menschen machen
Sinn. Das menschliche Wesen ist besonders logisch und verstehbar“
8. „Der
Ausdruck des therapeutischen Hasses und des fröhlichen Sadismus gegen den
Patienten kann für ihn sehr wohltuend sein“
9. „Die
bedeutensten Botschaften zwischen Menschen sind nicht sprachlicher Natur“
Diese Annahmen
werden durch zwei zentrale Hypothesen ergänzt:[4]
1. Zur
Einstellung des Patienten sich selbst gegenüber:
Wird der Patient vom Therapeuten humorvoll, wahrnehmend und in des
Patienten eigenem inneren Bezugsrahmen provoziert, „... tendiert der Patient
dazu, sich in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen und zwar genau
entgegengesetzt der Definition, die der Therapeut von dem Patienten als Person
gegeben hat.“[5]
2. Zum
offenen Verhalten des Patienten:
Wird der Patient provokativ von dem Therapeuten dazu gedrängt (humorvoll
und tiefblickend), „... seine Selbstverteidigung und sein eingeschränktes
Verhalten fortzusetzen, dann wird der Patient dazu neigen, sich auf sein
eigenes sichselbsterweiterndes und den anderen förderndes Verhalten
einzulassen. Das führt sehr viel direkter an die gesellschaftliche Norm heran.“[6]
[1] Höfner/Schachtner 2004, S.27
[2] Wartenweiler 2003, S. 13
* lat.: nicht zu ersetzende Vorraussetzung
[3] Farrelly/Brandsma 1986, S.46ff.
[4] Vgl. Farrelly/Brandsma 1986, S.68
[5] Ebd., S.68
[6] Ebd., S.69
1.3 Differenzierung
des provokativen Ansatzes
1.3.1 Der
Provokative Stil
„Provokative
Therapie ist eine fundierte Methode, in der viele Techniken angewandt werden.“[1]
Diese Tatsache gibt dem Therapeuten bzw. Berater einen großen Spielraum in den
therapeutischen Gesprächen, was Vor- und Nachteile mit sich bringt, auf die
später eingegangen werden soll.
Zielsetzung des
„Provokativen Stils“ ist es, den Widerstand der provoziert wird, in die
„richtige Richtung“ zu lenken, nämlich gegen das eigene, selbstschädigende
Verhalten und nicht gegen den unterstützenden Gesprächspartner. Die Reaktionen
des Klienten auf das provokative Vorgehen des Therapeuten sind unmittelbar und
äußerst förderlich. Auf spezielle Art und Weise werden dem Ratsuchenden dabei
Gefühle, Denkmuster und Verhaltensweisen unterstellt, sodass dieser affektive
Reaktionen nicht beeinflussen kann und hinsichtlich dieser Stellung beziehen
muss. Die Unterstellungen werden durch den Therapeuten hemmungslos verzerrt,
bis die Absurdität auch für den Betroffenen deutlich wird. Dies bringt unter
Umständen beide zum Lachen. Dieses Lachen über sich selbst gibt dem Klienten ein
Stück Freiheit zurück, denn nur der, der sich selber relativieren kann, kann
über sich lachen.
Der Provokative
Stil wird darüber hinaus niemals als eine Art Waffe verwandt und dem Klienten
auch nicht derart begegnen. Die besten Einfälle und satirischen Übertreibungen
sind wertlos, wird die Würde des Anderen missachtet.
Drei Punke
lassen sich zusammenfassen:[2]
·
Das Gelächter macht frei, und der Widerstand sorgt für
Bewegung.
·
Die Provokation zum Gelächter richtet sich nur gegen
das Schädliche und das Absurde im Verhalten des Klienten, nie gegen seinen
verletzlichen Wesenskern.
·
Provokation und Lachen sind frei von zynischer
Überheblichkeit.
1.3.2 Einsatz
des Provokativen Stils
Der provokative Ansatz wurde im
klinischen Bereich vor allem für die psychotherapeutische Praxis entwickelt. Er
findet bei nahezu allen psychischen Störungen und Problemlagen erfolgreich
Anwendung. Frank Farrelly hat dies in seinem Buch[3]
eindrucksvoll dokumentiert. Seit einigen Jahren übt die Methode zunehmenden
Einfluss auf verschiedenste Arbeitsfelder und Formen der Beratung aus. In deren
Settings stellt die Methode ein, in vielerlei Hinsicht bereicherndes Element
dar.
Hilfsmittel kann
der Provokative Stil vor allem dann sein, wenn einengende Kommunikation
betrieben wird. Diese Einengung kann durch andere Menschen unbeabsichtigt und
unbewusst aber auch ganz bewusst, z.B. durch nicht gerechtfertigte
Anschuldigungen geschehen.
Darüber hinaus
ist Kommunikation auch in Situationen eingeengt, in denen die Stimmung durch
eine Person definiert wird (z.B. durch eine pessimistische, depressive
Weltsicht), oder in klassischen „double-bind“[4]
Situationen. Gerade diese Doppelbotschaften sind leicht mit dem Provokativen
Stil aufzulösen. Bei einer Kommunikationssituation die durch ein double-bind
strukturiert ist, werden stets zwei widersprüchliche Botschaften gleichzeitig
gesendet. Der Empfänger kann jedoch nur auf eine reagieren und wird der anderen
Botschaft damit zwangsläufig zuwiderhandeln. An einem Beispiel soll dies
deutlich gemacht werden:
Eine Mutter
schenkt ihrem Sohn zwei Hemden zum Geburtstag, ein rotes und ein blaues. Am
nächsten Morgen erscheint der Sohn und hat das rote Hemd übergestreift. Die
Mutter sagt vorwurfsvoll: „Aha, du magst das blaue Hemd nicht!“, was implizit
transportiert: „Ich habe mir solche Mühe gegeben, du missachtest meine Gefühle,
du magst mich nicht!“ Eine Möglichkeit diese Zwickmühle aufzulösen bietet eine
provokative Intervention, bei der der Sohn fröhlich antworten könnte: „Um
ehrlich zu sein, ich finde beide Hemden abscheulich, aber weil ich dich gern
habe, habe ich heute eines angezogen.“ Damit geht er auf den eigentlichen
Vorwurf ein, lässt sich von der double-bind Situation jedoch nicht gefangen
nehmen.[5]
1.3.3 Kennzeichen,
Abgrenzung und Grundhaltung des Provokativen Stils
„Hinsichtlich
des Verhaltens des Therapeuten unterscheidet sich die Provokative Therapie von
anderen therapeutischen Richtungen durch den Grad an Direktheit und den
Gebrauch von Konfrontation, den widersprechenden und bestätigenden Gesprächsstil,
den systematischen Gebrauch von sprachlichen und nichtsprachlichen Reizen und
das Vermeiden professioneller Würde in Verbindung mit einem freien Gebrauch von
Humor und Spaßmacherei.“[6]
Zunächst einmal
wird in der Provokativen Therapie von der Tatsache ausgegangen, dass
psychologische Beratung und speziell auch Psychotherapie eine Begegnung
zwischen Menschen ist.
Diese Einstellung bedingt aber
auch ein Abrücken von der (selbstauferlegten) auferlegten Rolle des Therapeuten
als Funktionär des Seelenheilers. Andererseits wird der Klient ebenso dazu
bewegt, seine Rolle als Funktionär für sein seelisches Leiden aufzugeben. Dies
ist insofern von Bedeutung, da der Therapeut leicht der Gefahr ausgesetzt ist,
sich gegenüber dem Ratsuchenden überlegen zu fühlen, in dem Glauben er hätte
„das Wissen zur Bekämpfung des Leidens“ und der Klient nicht. Der provokative
Ansatz propagiert eine Philosophie des gleichwertigen Klienten. Der Therapeut
kann dessen Problem zwar mit unverstellterem Blick betrachten und ihn dabei unterstützen,
Lösungsstrategien zu verfolgen, daraus leitet sich jedoch keine Wertigkeit der
Gesprächspartner ab.
Auf Grund dessen
entfallen beim Provokativen Stil aufmunternde Gesten wie der „Klaps auf die
Schulter“, die indirekt ein Gefälle von oben (Therapeut) nach unten (Klient)
anzeigen.
Der unterlegene
Klient wird in der Provokativen Therapie zum mündigen Klienten, dem gegenüber keine Schonhaltung einzunehmen ist.
Bei dieser Vorgehensweise wird eine Abhängigkeit vermieden. Die Problemlage die
der Klient selbst nicht zu beheben bzw. zu entschlüsseln vermag, übergibt er
dem Therapeuten, der den Defekt in gebotener Eile „reparieren“ soll. Der
provokative Therapeut reagiert auf diese Verlagerung, indem er das Problem
zurück zum Ratsuchenden verfrachtet und damit dessen Eigenverantwortung wieder
herstellt.
Nach diesen eher
allgemeinen Kennzeichen ist es weiteres Anliegen der Arbeit, die Grundhaltung
des Anwenders des Provokativen Stils näher zu erläutern. Diese kann
zusammengefasst auf zwei Begrifflichkeiten reduziert werden: „der Gute Draht“
und „der Längere Hebel“.[7]
1.3.3.1 Der Gute Draht
Der erste
Schritt im Provokativen Stil ist die Herstellung des „Guten Drahtes“ zum
Klienten. Diese gute Verbindung wird vom ersten Moment der Begegnung aufgebaut
und beibehalten. Es ist äußerst wichtig für den provokativ arbeitenden
Therapeuten, sein „Sensorium“*
diesbezüglich darauf ausgerichtet zu lassen. Der Gute Draht sollte ein
Leitmotiv für jeden Therapeuten und auch nichttherapeutischen Berater und
Gesprächsführer sein, welches er ständig im Auge, im Herzen und im Bauch hat.[8]
Jede Störung dieses Guten Drahtes hat absoluten Vorrang und der Therapeut wird
sofort seine Aufmerksamkeit darauf richten, diese zu beseitigen.
Es gibt einige
Vorgehensweisen, die helfen, die gute Beziehung zum Klienten zu etablieren und
zu festigen. Doch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass beispielsweise
Blickkontakt halten oder Körperkontakt herstellen, nützlich sein können, doch
die eigentliche Grundhaltung, wie zuvor deutlich gemacht wurde, aus der inneren
Einstellung zum Klienten resultiert.
·
Demonstrieren statt beteuern
Beim provokativen Umgang mit Menschen ist ein Satz
wie: „Ich verstehe Sie vollkommen“ nicht erforderlich. Es wird selten von
Verständnis gesprochen werden, aber stets gezeigt werden, dass das Ausgedrückte
verstanden wurde.
Dies kann beispielsweise dadurch geschehen, dass
der Therapeut sich ganz auf die Seite des Klienten stellt und weitere Beispiele
für ähnliche Situationen findet. Er zeigt jederzeit in der Therapie, dass er
den Klienten versteht. Dabei lassen treffende Bemerkungen zur Situation ein
vielfaches mehr an Nähe zu, als Sätze im Sinne des obigen Beispiels. Das
Demonstrieren des gedanklichen Begleitens wird zu einer vertrauensbildenden
Maßnahme.
·
Dialog statt Monolog
Bei der aktiven Herstellung des Guten Drahtes
herrscht gleiches Recht für alle. Monologisieren ist sowohl für den Therapeuten
als auch für den Klienten ausgeschlossen. Sollte dem Therapeuten die Sachlage
bereits klar erscheinen, wird der Klient im Gegensatz zur herkömmlichen
Therapie, notfalls sogar unterbrochen. Dies demonstriert der Therapeut, indem
er in den Erzählfluss des Patienten einsteigt und ihm mit der Unterbrechung
klar macht, dass er die Leitgedanken des anderen erfasst hat. Dies wirkt
keineswegs unhöflich und unterbindet die vom Patienten aller Wahrscheinlichkeit
nach schon „mehrfach abgespielte Kassette“. Es begründet sich dadurch, dass die
Therapeuten oder professionellen Berater oft die letzte Instanz sind, die „zu
Rate“ gezogen wird. Solche schon für sich selbst mehrfach erörterten
Problembeschreibungen enthalten häufig kaum noch eine emotionale Beteiligung
des Klienten, welche in der Therapie jedoch dringend erforderlich ist.
·
Die hohe Bedeutung der nonverbalen Botschaften
Ausschlaggebend ist, mit welcher inneren Haltung
man provokativ vorgeht. Das „Wie“ ist für die Kommunikation und die Beziehung
wichtiger als das „Was“. Nach dem von Watzlawick formulierten Axiom gibt es
eine digitale und eine analoge Kommunikationsebene.[9]
Die digitale Kommunikation sind vereinfacht ausgedrückt die Worte, die wir
sprechen, und deren Bedeutung wir festgelegt haben. Sie wird im Provokativen
Stil mit dem Ziel verwendet, den Klienten durch unkonventionelle Äußerungen zu
überraschen und zu provozieren. Ohne die Ergänzung durch die analoge Ebene
würde diese Kommunikation jedoch falsch gedeutet. Analog werden die
nonverbalen, also nichtsprachlichen Botschaften, z.B. ein Lächeln oder eine
Betonung, versendet. Auf dieser Ebene vermittelt der provokative Therapeut
gleichzeitig zu den eventuell bösartig erscheinenden Worten das Gegenteil,
nämlich, dass der Klient wertvoll und gleichwertig ist. (Bildlich gesprochen
steckt er eben nur in seinem häufig hausgemachten, zähflüssigen
„Problemkleister“ fest.) Dieser Unterschied zwischen hilfreicher
Verhaltenskritik und destruktiver Charakterkritik ist nicht nur für die Herstellung des Guten Drahtes
wichtig: es ist ein zentraler Aspekt der Provokativen Therapie.
Da
wissenschaftlich belegt ist, dass menschliche Kommunikation zu ca. 90%
nonverbal (Körperhaltung und Ausdruck) abläuft,[10]
wird die Botschaft des Angenommenseins den Guten Draht zum Klienten aufbauen
und provokative Seitenhiebe erst möglich machen.
1.3.3.2 Die Führung und der Längere
Hebel
Beim provokativen Ansatz ist der
Therapeut ein aktives Gegenüber. Im Gegensatz zu nondirektiven Therapieformen,
bei denen der Therapeut dem Klienten unauffällig folgt, hakt sich er sich
beim Provokativen Stil bei ihm unter, begleitet ihn eine Weile und ändert dann
gemeinsam mit ihm die Richtung, um ihn anschließend zu überholen und vor ihm
herzugehen, so dass der Klient Mühe hat, seinem Therapeuten zu folgen.[11]
Vergleichsweise tendiert die
Initiative, die Führung im Gespräch zu übernehmen zum Therapeuten hin. Dies ist
äußerst wichtig, um absolutes Gehör zu erlangen. Entsteht beim Klienten das
Gefühl, eines unzulässig kompetenten Therapeuten, wird er dessen Worten weniger
Bedeutung beimessen. In diesem Fall hätte der Klient die Führung.
Grundlage für
dieses „in Führung gehen“ ist das
ungebrochene Verständnis des Anderen und damit die Herstellung des Guten
Drahtes. Er allein macht Veränderung jedoch nicht aus. „Nur die Kombination aus
Gutem Draht und Führung macht Beeinflussung möglich.“... „Führung
ohne Guten Draht ist autoritäres
Anordnen, das auf Angst und Unterwerfung aufbaut“[12]
1.3.3.3 Direktiv
versus nondirektiv
Obwohl der
Provokative Stil auf den ersten Blick sehr direktiv erscheint, trifft dies nur
zur Hälfte zu. Er ist formal direktiv, aber inhaltlich nondirektiv.
Das heißt formal führt der Therapeut, weil Tempo und Stimmung von ihm
bestimmt werden, indem er spontan und humorvoll, überraschend und vielseitig
reagiert. Der thematische Inhalt und damit auch der Handlungsspielraum werden
auf diese Weise für den Therapeuten aber vor allem für den Klienten erweitert.
Inhaltlich lässt sich der Anwender des Provokativen Stils vom
Klienten führen. Hier agiert er weitgehend nondirektiv und steuert auf kein
festgelegtes Ziel zu.
Man kann also
von einer Art gegenseitiger Führung
sprechen, welche sehr komplex ist und vom Therapeuten wache Aufmerksamkeit und
flexible und schnelle Reaktionen erfordert.
1.3.3.4 Therapeutische
Grundhaltung und Gesetze des zwischenmenschlichen Umgangs
Grundlegend für
diese Art der Akzeptanz und des Umgangs mit Anderen ist die Einhaltung einiger
weniger Gesetze, die befriedigendes menschliches Miteinander überhaupt erst
ermöglichen. Wichtig ist dabei vor allem die Unterscheidung zwischen den
eigenen fixen Ideen und den „Leuchtturmprinzipien“[13],
den ehernen Gesetzen zwischenmenschlichen Umgangs. „Fixe Ideen sind Werte und
Einstellungen, die wir für gottgegeben und unumstößlich halten. Sie sind wie
heilige Kühe, die man unter gar keinen Umständen schlachten darf. Mindestens
neun Zehntel aller Werte und Einstellungen sind aber vom Menschen und nicht von
Gott gemacht und daher veränderbar.“[14]
Bei genauerer Betrachtung handelt es sich hier um Vorurteile und
Verallgemeinerungen, die von vielen Menschen geteilt werden; was der Sachlage
aber keine Richtigkeit attestiert.
Die eigenen
fixen Ideen sind zu entlarven, da sie beim Provokativen Arbeiten nur hinderlich
wären. Hohe Beachtung schenkt der Therapeut im Gegensatz dazu jedoch den
Leuchtturmprinzipen des befriedigenden Umgangs miteinander:[15]
1. „Die
Anerkennung der menschlichen Würde
2. Fairness
und Aufrichtigkeit im Umgang mit anderen Menschen
3. Die
Pflicht zur eigenen Weiterentwicklung und zum (geistigen) Wachstum.“
Diese Gesetze
finden nicht nur in der Provokativen Therapie Beachtung, sondern sind auf lange
Sicht Grundlage sämtlicher menschlicher Kulturen. Ein jeder trägt einen Sinn
für die drei Prinzipien in sich, sonst hätte sich menschliches Zusammenleben
nicht bis zum heutigen Zeitpunkt fortgesetzt.
1.3.4 Elemente
und Techniken des provokativen Ansatzes
Die hier
aufgeführten Elemente sind nicht getrennt voneinander zu betrachten. Sie sind
der Übersichtlichkeit halber in einer Reihenfolge von eins bis 10 aufgelistet.
Die 10 Elemente der Provokativen Therapie heißen: [16]
1. „Herstellung
des Guten Drahtes Æ Orientiert am „Hier und
Jetzt“
2. Einstieg
in das Weltbild des anderen
3. Aussprechen
des Weltbildes (innere Wahrheit)
4. Persiflieren
des Weltbildes Æ Zerrspiegel
5. Globalisieren
des Weltbildes Æ Stereotype
6. Den
Advocatus Diaboli spielen Æ Die negativsten Gedanken
werden ausgesprochen
7. Begeisterung
für das Symptom
8. Verwendung
und Ausmalen von Bildern
9. Keine
Ratschläge, höchstens idiotische
10. Hypnotische
Kommunikation.“
Die Besonderheit des
Provokativen Stils zeigt sich im zeitlichen Zusammenfall von Diagnose und
Therapie. Die oben aufgeführten Bausteine werden in der Regel gleichzeitig
eingesetzt, und ihr Stellenwert lässt sich nicht aus ihrer Reihenfolge ablesen.
Die Wichtigkeit des Guten Drahts kann dennoch nicht genug hervorgehoben werden,
denn ohne ihn erzielen die Elemente nicht ihre Wirkung.
Höfner und
Schachtner nennen das Vorgehen im Provokativen Stil „Aktivdiagnose“[17].
Im Unterschied zum traditionellen Vorgehen in einer Psychotherapie, das erst
die ausführliche Diagnose und dann die Therapie vorsieht, wird im Provokativen
weniger linear vorgegangen.
Als Ausgangspunkt zur Diagnostik
eignet sich zunächst einmal alles, was der Klient „mitbringt“. Darunter fallen
nicht ausschließlich seine vorgetragenen Themen oder Probleme sondern seine
Person als Ganzes mit Ausdruck, Körperhaltung, Gebärden, Verhaltensweisen etc.
rückt in den Mittelpunkt. Je unverfälschter und affektiver sein verbales und
nonverbales Verhalten ist, umso förderlicher ist dies für die Therapie. Dieses
„Hier-und-Jetzt Prinzip“, lässt Rückschlüsse darauf zu, wie sich der Klient
außerhalb der Therapie im „normalen“ Leben verhält.
Einstieg
in das Weltbild des anderen
Damit beginnt
der Einstieg in Weltsicht des Klienten. „Bei der Aktivdiagnose schießen wir in den Busch und schauen mal nach, ob
ein Hase herausspringt“[18]
Das will heißen: Der Therapeut leitet aus dem bisher Wahrgenommen des Klienten
Unterstellungen ab und achtet dabei genauestens auf dessen folgende Reaktionen.
Dieses Verfahren
ist durchaus riskant, und in manchen Fällen auch nicht erfolgreich (es
springt kein Hase aus dem Busch), doch
bedeutet dies keinen Misserfolg. Besteht ein Guter Draht zum Klienten, kann
dieser die Vermutungen des Therapeuten zurückweisen und gibt ihm somit die
Möglichkeit, eventuell an einem anderen Punkt neu anzusetzen.
Aussprechen
des Weltbildes
Dieses
Einsteigen in das Weltbild des Klienten durch treffende Unterstellungen geschieht
äußerst zeitnah mit dem Aussprechen seiner inneren Überzeugung. Es ist der Weg,
den der Therapeut wählt, um sich dem Klienten emotional und gedanklich
anzunähern, sich mit ihm in Situationen hineinzuversetzen und das entstehende
Szenario dann über verbal wie nonverbal auszudrücken. Er bleibt in jeder
Sekunde kongruent mit sich selbst und vermeidet es, eine Distanz zum Klienten
aufzubauen. Der Therapeut erkennt die inneren Glaubenssätze (fixe Ideen) des
Klienten, bestätigt diese und führt sie weiter aus. Der Gute Draht wird damit
gestärkt, da sich der Klient (vielleicht wie noch nie zuvor) verstanden fühlt.
Die weiteren Elemente werden synchron mit dem Einstieg und dem Aussprechen des
Weltbildes verwandt.
Persiflieren
des Weltbildes
Bei dieser Technik
wird dem Klienten bildlich gesprochen ein „Zerrspiegel“ vorgehalten, in dem
sich er zu Beginn noch relativ realistisch abbildet, jedoch mit zunehmender
Verzerrung seine Verhaltensweisen ad absurdum führt.
Der Therapeut
führt dem Klienten direkt oder indirekt, z.B. durch Rückkopplung seines
verbalen oder nonverbalen Verhaltens oder durch Imitation vor, wie sein Bild
nach außen erscheint. Unter Verwendung von Humor strapaziert er die
problembeladenen Glaubenssätze und Wahrheiten des Ratsuchenden bis dieser
(unter Umständen lachend) widerspricht.
Globalisieren
des Weltbildes
Der provokative
Therapeut verwendet bei diesem Verfahren immer wieder Verallgemeinerungen und
Stereotype, um dem Klienten dessen
Selbst- und Weltkonzept vor Augen zu führen. Da viele seiner eigenen fixen
Ideen Pauschalisierungen sind, die für ihn schädlich sind oder ihn behindern,
werden sie vom Therapeuten aufgegriffen und hemmungslos übertrieben.
Advocatus
Diaboli spielen
In der Rolle des
„Teufels Advokaten“ verhält der Therapeut sich unterstützend zu den
selbstschädigenden Verhaltensweisen des Klienten. Er steigt mit ihm in die
„tiefsten Abgründe“ jenseits seiner Moral- und Wertvorstellungen hinab und
ergreift für diese Partei. Der Therapeut überreizt dabei vom Klienten
angesprochene Verhaltensmuster und deutet ihre schädliche oder problematische
Wirkung für ihn in Vorteile um. Dies erzeugt Widerstand zunächst gegen die
Deutung des Therapeuten, schließlich gegen das eigene Leiden erzeugende
Verhalten.
Begeisterung
für das Symptom
Weiteres
zentrales Element ist die unablässige Begeisterung des professionellen Beraters
für das Symptom des Anderen. Dabei greift er fortwährend auf des Klienten
Einzigartigkeit im Umgang mit seiner Problematik zurück. Er lobt dessen
Verdrängungs- bzw. Vermeidungsstrategien und empfiehlt paradoxerweise „mehr
desselben.“* Weiterer Aspekt des
echten Interesses des Therapeuten ist die Förderung des
„sich-angenommen-fühlens“ des Klienten
Verwendung
und Ausmalen von Bildern
Eine verbreitete
Technik in psychotherapeutischen Methoden ist die Verwendung von bildlichen
Darstellungen. Das Denken in Bildern und Szenen ist nicht ausschließlich
Hilfsmittel für den Therapeuten. Ausgesprochen und assoziativ weiter
vervollständigt (ausgemalt, eventuell bis zur absurden Karikatur) werden sie besonders wirkungsvoll. Bildern, die
intuitiv beim Therapeuten entstehen, wenn der Klient auftritt, von sich
berichtet oder sich affektiv verhält, wird besondere Beachtung geschenkt.
Reflektiert er sie zum Klienten zurück und schmückt sie dabei künstlerisch so
lange aus, bis sie in befreiendem Lachen münden, kann der Gesprächspartner eine
innere Distanz zu ihnen herstellen. Bilder, wie z.B. „ein menschlicher
Fußabstreifer“ oder „die heilige Jungfrau Maria“ haben zudem den Vorteil, dass das
Gedächtnis sie besser speichern kann als Worte. Die Reaktion des Klienten auf
die dargestellten Bilder und Spiegelbilder des Therapeuten wird in Erregung
(und damit positivem Widerstand) oder in Lachen münden.
Keine
Ratschläge, höchstens idiotische
Dem Bestreben
des Klienten gerecht zu werden, einen Ratschlag oder eine Lösung für seine
verfahrene Lage bereit zu haben, entgegnet der provokative Therapeut mit nicht
ernstzunehmenden Ratschlägen. So könnte er z.B. einen männlichen Klienten,
dessen Angst es ist, Frauen anzusprechen, darauf verweisen, dass er ab jetzt
nur noch Männer ansprechen könnte und ihm zur Homosexualität raten. Ratschläge
dieser Art werden in der Provokativen Therapie mit vielerlei Geschichten und
erfundenen „wissenschaftlichen Fakten“ aufgefüllt. Z.B. könnten neuste
wissenschaftliche Studien belegen, dass Männer in homosexuellen Beziehungen
bedeutend glücklicher sind als in heterosexuellen etc..
Durch das
unmittelbare, gleichgewichtige Teilhaben am Kommunikationsprozess beider
Gesprächspartner entsteht neben dem Guten Draht noch eine weitere Verbindung,
die Therapeut und Klient zusammenhält.
Hypnotische
Kommunikation
[1] Farrelly/Brandsma 1986, S.73
[2] Vgl. Höfner/Schachtner, S.27,28
[3] Vgl. Farrelly/Brandsma 1986
[4] Vgl. Watzlawick et al. 1972, S.194
[5] Vgl. Höfner/Schachtner 2004, S.30
[6] Farrelly/Brandsma 1986, S.74
[7] Vgl. Höfner/Schachtner 2004, S.61
* Gesamtheit der Sinnesorgane, Bewusstsein
[8] Vgl. ebd., S.64
[9] Vgl. Watzlawick et al. 1972, S.61
[10] Vgl. Höfner/Schachtner 2004, S.71
[11] Bildliche Darstellung stammt von Höfner/Schachtner 2004, S.93
[12] Höfner/Schachtner 2004, S.80
[13] Begriff stammt von Höfner/Schachtner 2004, S.76
[14] Höfner/Schachtner 2004, S.74
[15] Ebd., S.77
[16] D.I.P. Seminarunterlagen vom 05.11.2004
[17] Vgl. Höfner/Schachtner 2004, S.93
[18] Ebd., S.96
* Ähnliches beschreibt auch Paul Watzlawick (Watzlawick 2003, S.27), der im anschaulichen Beispiel des „Verlorenen Schlüssels“ darstellt, wie Menschen erfolglos die selben Lösungsstrategien wieder und wieder anwenden und damit ihr Leiden vergrößern.
1.4 Kritische
Betrachtung
Zum Abschluss
dieses Kapitels sollen einige Merkmale des provokativen Ansatzes genauer
betrachtet werden, die sich sowohl für die therapeutische Praxis als auch für
die spätere Adaption für die Sozialpädagogik als problematisch herausstellen
können.
·
Das Vorgehen im provokativen Ansatz birgt die Gefahr,
den persönlichen Ärger oder Frust des Therapeuten am Klienten zu entladen. Die
Übergänge bei denen der Provokative Stil zu einer Waffe werden kann, und der
Klient feindselig attackiert wird, sind fließend. Der Einsatz von provokativen
Interventionen erfordert deshalb eine hoch ausgebildete Selbstreflexion des
Anwenders.
·
Der Anwender des Provokativen Stils sollte ein großes
Potential an flexiblen Reaktionen und Improvisationen aufweisen können. Ohne
diese Fähigkeiten, die nur bedingt trainierbar sind (da sie Spontanität
erfordern), verlieren die provokativen Interventionen ihre Wirkungskraft und
Lebendigkeit.
·
Es besteht zudem die Gefahr, dass der Therapeut den
Klienten überfordert. Zwischen Irritierung (die sich in Erkenntnis auflösen
soll) und Überforderung liegt bei einigen Interventionen des provokativen Ansatzes
nur ein schmaler Grad. Dies mag im therapeutischen Konzept noch verhältnismäßig
unproblematisch sein, kann aber in einem anderen Rahmen zur vollkommen
Zielverfehlung führen. Aus diesem Grunde muss beim Anwender von provokativen
Interventionen ein ausgebildetes Gespür und eine sensible Wahrnehmung bestehen,
wieweit der Klient fähig ist ihm zu folgen. Dazu bedarf es einer genauen
Einschätzung der Reaktionen, die die Klienten auf das Verhalten des Therapeuten
zeigen.
·
Letzteres weißt darauf hin, dass der Anwender des
Provokativen Stils sich relativ genau bewusst sein sollte, welche Tragweite die
von ihm eingesetzte Provokation hat. Gerade bei einer Anwendung des
provokativen Ansatzes außerhalb des therapeutischen Rahmens ist dies von
Bedeutung, da Interventionen im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel planbar sein
müssen und unerwünschte, eventuell dem Ziel abträgliche Begleiteffekte
vermieden werden sollten.
Das folgende
Kapitel knüpft an jenem Punkt an und verlässt den therapeutischen Bereich.
Unter Rückbezug auf die Thematik der Arbeit wird im nächsten Schritt die
Profession der Sozialpädagogen und Sozialarbeiter näher dargestellt. Dies soll
Aufschluss darüber geben, was Sozialpädagogik ist, und wo Übereinstimmungen
bzw. Abgrenzungen zur Therapie entstehen.
2. Sozialpädagogik
2.1 Gegenstandsbeschreibung
und Definition
Versucht man sich dem Begriff
„Soziale Arbeit“ systematisch zu nähern, stellt sich zunächst die Frage, was
damit überhaupt ins Blickfeld zu nehmen ist. Kaum jemand vermag spontan das
Spektrum von Aufgaben und Arbeitsfeldern sozialer Arbeit wiederzugeben. Vor
allem im 20. Jahrhundert ist der Fokus auf die sich ausdifferenzierenden
Praxisfelder und Institutionen der Kinder und Jugendfürsorge, Wohnungs-,
Familien-, Gesundheitsfürsorge, Gefährdetenhilfe und Jugendpflege zu richten,
die als Antwort auf soziale Not im Zusammenhang mit der Industrialisierung
insbesondere in Großstädten und Ballungsgebieten entstanden.
Bevor Alice
Salomon 1908 mit der Gründung der
„Sozialen Frauenschule“ in Berlin die
Strukturen des „Elberfelder Systems“ mit denen der bürgerlichen
Kleinkindpädagogik im Rahmen der bürgerlichen Frauenbewegung zu einem Konzept
von Sozialer Arbeit verband, war das Berufsfeld (der Sozialen Arbeit)
uneinheitlich. Sie leitete damit die Wende von der ehrenamtlichen
Hilfstätigkeit zu einer zunächst spezifisch weiblichen Fachlichkeit ein. Diese
Fachlichkeit und Ausbildung in Schulen hat sich bis zu den jetzigen
akademischen Berufsständen Sozialarbeiter und Sozialpädagoge weiterentwickelt.
2.1.1 Soziale
Arbeit: Sozialarbeit – Sozialpädagogik
Begrifflichkeiten und Abgrenzung
Das Bild von Sozialer Arbeit ist
zunächst diffus. Dieser Signifikant beinhaltet jegliche Art von Arbeit, welche
gesellschaftlich als sozial erachtet wird. Darunter kann die Arbeit der
Erzieherin im Kindergarten fallen, die des Pflegers im Altenheim oder die
Lehrtätigkeit eines Sonderschulpädagogen, der körperbehinderte Kinder
unterrichtet.
In der folgenden
Abhandlung herrscht ein spezifischeres Bild von Sozialer Arbeit. Es wird von
Sozialer Arbeit, Sozialpädagogik als auch von Sozialarbeit gesprochen, wenn
jenes Praxisfeld der Professionen Diplom-Sozialarbeiter und
Diplom-Sozialpädagoge gemeint ist.
Ursächlich ist
eine Unterscheidung der drei Begrifflichkeiten sowie der beiden akademischen
Abschlüsse eher historisch und heute keineswegs mehr angebracht.
„Es gibt heute
weder im Berufsalltag allgemein akzeptierte noch eine theoretisch begründete
begriffliche Abgrenzung zwischen Sozialarbeit und Sozialpädagogik Sozialarbeit
und Sozialpädagogik werden mittlerweile als Synonyme (bedeutungsgleich)
benutzt.“[1]
In der hier vorliegenden Arbeit werden in diesem Sinne, die drei übergeordneten
Bezeichnungen Soziale Arbeit, Sozialarbeit und Sozialpädagogik für das
Arbeitsfeld synonym verwendet.
2.1.2 Arbeitsbereiche
und Aufgaben der Sozialen Arbeit
Sortiert man in Anbetracht der
Vielfalt der Aufgaben und Tätigkeitsbereiche Sozialer Arbeit, so lässt sich die
breite Variation nach Erler grob in drei Bereiche trennen.
Drei zentrale Bereiche der Sozialen
Arbeit sind:[2]
1. der
Bereich der Sozialhilfe (finanzielle Unterstützung, Beratung, Rehabilitation),
2. der
Bereich der Gesundheitshilfe (soziale Dienste, Arbeit mit Drogenabhängigen,
Alten, Behinderten, Kranken etc.) und
3. der
Bereich der Familien-, Kinder- und Jugendhilfe (Beratung, Erziehung, Hilfe und
Fürsorge).
Zu den wesentlichen Aufgaben der
Sozialen Arbeit gehört es[3]:
·
Menschen anzuregen/zu befähigen, Eigenkräfte zu
entwickeln und konstruktiv einzusetzen (Hilfe zur Selbsthilfe);
·
Menschen dazu zu befähigen, selbstverantwortlich zu
handeln und zu helfen, die ihnen gebotenen Möglichkeiten zu nutzen;
·
Menschen während bestimmter Lebensphasen zu begleiten
und zu betreuen; ihnen
unmittelbare persönliche Zuwendung und Hilfe zu geben;
·
das Angebot von und die Nachfrage nach Hilfe
aufeinander abzustimmen und die Verbindung zwischen beidem herzustellen;
·
im Kontext von staatlicher Sozialpolitik, Interessen
der Institutionen, Wünschen/Bedürfnissen des Klienten und eigenem
Selbstverständnis sowie eigener Fachlichkeit professionell zu agieren und die
Ansprüche aufeinander abzustimmen;
Eine „zeitgemäßere“ Auflistung zu
den Aufgaben des Sozialarbeiters bietet das Fachlexikons der Sozialen Arbeit
von 2002, in dem es heißt:
„Soziale Arbeit reagiert ... im
Wesentlichen auf drei soziale Tatbestände:
1. auf
die „Entwicklungstatsache“ (Bernfeld), also auf die vielschichtiger werdenden
Herausforderungen des Aufwachsens jenseits von Familie und Schule,
2. auf
soziale Probleme, alte und neue soziale Ungleichheiten und die damit
zusammenhängenden Fragen der sozialen Integration sowie
3. auf
die sozialen Risiken der individuellen Lebensführung und der alltäglichen
Lebensbewältigung.“[4]
2.1.3 Merkmale
und Spannungsfelder der Sozialen Arbeit
Aus den eben beschriebenen
Aufgaben und Tätigkeitsfeldern der Sozialpädagogik ergibt sich ein sowohl
wohlfahrtsstaatlicher als auch ein eigener professioneller Anspruch.
Soziale Arbeit steckt dabei in
mehreren Paradoxien fest. Zum einen reagiert sie, wie im Fachlexikon
beschrieben, auf soziale Probleme, Risiken und Herausforderungen. Damit wird
angezeigt, dass Soziale Arbeit in ihrer Funktion immer nachfolgend passiert;
das heißt es müssen zuerst die obengenannten Mangel- und Problemlagen
auftreten, damit Soziale Arbeit aktiv wird. Zum anderen intendiert ihr der
Gesetzgeber einen präventiven Auftrag.[5]
Dieser kann lauten, daraufhin zu arbeiten, dass soziale Brennpunkte erst gar
nicht entstehen, oder eine Familie in die Abhängigkeit von sozialstaatlichen
Mitteln gerät.
Diese
Möglichkeit des vorzeitigen Eingriffs ergibt sich für die soziale Arbeit jedoch
nur in äußerst wenigen Fällen (z.B. präventive soziale Statteilplanung).
Sozialpädagogische Tätigkeiten sind daher im weitesten Sinne von „präventivem
Reagieren“ gekennzeichnet. Damit ist die Funktion Sozialer Arbeit gemeint,
durch fachliche Interventionen eventuell auftretende Folgeprobleme eines
bereits bestehenden Missstands zu unterbinden oder zu minimieren.
2.1.3.1 Das doppelte Mandat
Es gibt zudem
noch weitere Bedingungen, welche die Sozialpädagogik begleiten. Soziale Arbeit
ist immer auch eine administrativ geregelte Hilfeleistung. Der Inhalt und die
Form der Leistung wird von ihr selbst definiert und festgelegt. Daraus ergeben
sich einige Widersprüchlichkeiten: Z.B. werden in Zeiten wirtschaftlicher
Rezession, in denen soziale Leistungen mehr denn je von Nöten sind, eben solche
zurückgeschraubt, und im Fall von boomender Wirtschaft die Ausgaben und damit
die Leistungen für den Sozialhaushalt aufgestockt. Soziale Arbeit versucht auf
diese Art, mit Ersatzleistungen für Menschen in Mangel- und Problemsituationen,
die sie nicht selbst bewältigen können, diese zu kompensieren. Dabei wird davon
ausgegangen, dass alle Mitglieder unserer Gesellschaft grundsätzlich in die
Lage versetzt werden können und willens sind, wieder am gemeinschaftsdienlichen
Teil des Staates teilzuhaben und so privat für ihre Reproduktion sorgen.
Gleichzeitig wird ihnen aber von selbiger Position aus soziale Sicherung
garantiert. Anders ausgedrückt: „Soziale Arbeit ist in das Paradoxon
eingebettet, soziale Sicherheit gewähren zu sollen und gleichzeitig auf die
private Lösung der Probleme drängen zu müssen.“[6]
Hinsichtlich
ihrer Gegenstandsbeschreibung lässt sich Soziale Arbeit heute als ein
Instrument moderner Gesellschaften identifizieren. Sie verfolgt das Ziel,
soziale Benachteiligungen und spezifische Problem- und Mangellagen von Personen
zu bekämpfen oder wenn möglich, aufzuheben. Soziale Arbeit ist dabei immer Teil
eines politisch-administrativen Handlungsapparats. Sie soll Menschen dazu
befähigen, Eigenkräfte zu entwickeln und konstruktiv einzusetzen. Sie zielt auf
Personen ab, deren Probleme weder von familiären oder ähnlichen privaten
Formen, noch durch den vorhandenen Güter-, Arbeits- und Dienstleistungsmarkt
ausgeglichen werden.[7]
2.2 Methoden
der Sozialen Arbeit
Methoden sind in
jeder wissenschaftlich-fundierten Disziplin unerlässlich. Sie stellen das
Instrumentarium dar, mit dem verschiedenste Arbeiten auf erprobtem Wege
bewältigt werden können. Für diese Arbeit ist der Methodenbegriff besonders
wichtig, da der provokative Ansatz sich im sozialpädagogischen Kontext an ihn
anknüpft.
Die Methode ist
in den meisten Fällen das einzige Hilfsmittel, welches den Professionellen der
Sozialen Arbeit zur Verfügung steht, um eine Situation zu strukturieren, so
dass ein bestimmtes Ziel erreicht werden kann. Zwischen ihnen und den Klienten
gibt es kein zusätzliches manuelles Instrument. Dies unterscheidet
sozialpädagogische Methoden von Methoden anderer Disziplinen, beispielsweise
denen der Medizin. Der Arzt benutzt nicht nur seine Hände um einen operativen
Eingriff vorzunehmen, sondern verschiedene andere Instrumente wie Skalpell oder
Schere, die er entsprechend der Diagnose nach einem vorausgedachten Verfahren
anwendet. Dieses „Werkzeug“ fehlt Sozialpädagogen im Umgang mit Klienten
häufig.
Die Methoden der
Sozialen Arbeit spiegeln deren Charakter wieder und sind ebenso unterschiedlich
wie vielfältig. Den Begriff der Methode gilt es jedoch zu klären, bevor über
diesen im Einzelnen und im Speziellen gesprochen werden kann.
Im Folgenden
geht es im ersten Schritt darum, Methode als Begriff allgemein zu definieren,
im zweiten Schritt soll eine Abgrenzung zu ähnlichen und verwandten Begriffen
erfolgen, sowie eine Definition für sozialpädagogische Methoden vorgestellt
werden, um anschließend im letzten Schritt, auf die Besonderheiten
sozialpädagogischer Methoden einzugehen.
2.2.1 Gegenstandsbeschreibung
und Definition von Methoden
Unter der
Bezeichnung Methode finden sich viele Beschreibungen und Definitionen. Versucht
man diese grob zu ordnen, erhält man ein engeres und ein weiter gefasstes
Methodenverständnis.[8]
Engeres
Methodenverständnis
Beim engeren
Methodenverständnis steht die Frage des „Wie erreiche ich ein Ziel“ im Vordergrund. Die Definition von Schilling
verdeutlicht dies: „Methode ist das planmäßige Vorgehen zur Erreichung eines
Ziels; der erfolgreiche Weg zum Ziel; eine spezifische Art und Weise zu
handeln.“[9]
Ein ähnlich enges Methodenverständnis ist in der schulpädagogischen Diskussion
zu finden, wo zwischen Methodik und Didaktik unterschieden wird. Inhaltsfragen
sind ein Problemkreis der Didaktik, während pädagogische Verfahrensweisen, die
das Lernen von Menschen bewusst und planmäßig zu beeinflussen versuchen, als
Methoden bezeichnet werden.
Galuske plädiert
dafür, die Fragen des Inhalts wie in der vorhergehenden Definition nicht von
denen der Zielbeschreibung und der Umsetzung zu trennen. Methoden in dieser
Beschränktheit setzen sich dem Sozialtechnologievorwurf aus; d.h. eine
Methodendiskussion, die jenseits der Zielfrage geführt wird, birgt die Gefahr,
beliebige Technologien der Veränderung für beliebige Zielsetzungen zu
entwickeln.[10] Sie wären
dann nämlich nicht mehr als Instrumente der Modifikation von Verhaltensweisen
bzw. Situationen, die nicht nach dem „Warum“, also der Zielsetzung mit der sie
Anwendung finden fragen würden. Erprobt würden vielmehr ihre Potentiale zur
Umstrukturierung von Personen und sozialen Konstellationen im Hinblick auf ihre
verändernde Kraft.
Weiteres
Methodenverständnis
Das weitere
Methodenverständnis setzt den Methodenbegriff in Bezug zu seinem inhaltlichen
Ziel („Warum will ich etwas
erreichen?“). Die Methode ist hierbei in ein Konzept eingefasst und befindet
sich immer in Abhängigkeit von Problemlagen, Zielsetzungen und
Rahmenbedingungen. Man spricht dabei auch von einem integrierten
Methodenbegriff.
2.2.1.1 Differenzierung
der Begrifflichkeiten[11]
Konzept
Das Konzept ist als ein
Handlungsmodell zu verstehen, in welchem die Ziele, die Inhalte, die Methoden
und die Verfahren in einen sinnhaften Zusammenhang gebracht sind. Aufgrund
dieser Bestandteile gibt es Auskunft über Interventionsziele, Gegenstände und
auch über Wege, wie das Ziel zu erreichen ist.
Methode
Die Methode als
einer dieser Bestandteile ist ein vorausgedachter Plan dieser Vorgehensweise.
Methoden sind immer zielgerichtet, institutions-, personen- und zeitabhängig.
Die Planung und Strukturierung des Vorgehens modifiziert sozialpädagogisches
Handeln von einem primär intuitiven Handeln hin zu einem kalkulierbaren Prozess
der Hilfeleistung.
Techniken
[1] Erler 2004, S.12
[2] Vgl. ebd., S.13
[3] Vgl. ebd., S.15
[4] Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge 2002, S.844
[5] Vgl. SGB VIII (KJHG)
[6] Erler 2004, S.17
[7] Vgl. Erler 2004, S.16
[8] Vgl. Galuske 2005, S.24
[9] Schilling 1993, zit. in Galuske 2005, S.24
[10] Vgl. Galuske 2005, S.25
[11] Vgl. Geißler/Hege 1992, S.22
Dieses
erweiterte Methodenkonzept versucht der zuvor geäußerten Kritik Rechnung zu
tragen. Unter der Voraussetzung, dass Methoden sinnvoll sind, können diese
nicht von den umfassenden konzeptionellen Überlegungen abgelöst werden. Durch
das Herauslösen der Methode aus dem Konzept kann die Methodenentscheidung nicht
mehr überzeugend mit dem subjektiven und gesellschaftlichen Einssatzfeld in
Verbindung gebracht werden. Der Methodeneinsatz ohne konzeptionellen Rahmen
könnte dann am verkehrten Problemfeld oder am falschen Subjekt ansetzen, aber
auch mit unbeabsichtigter Wirkung gebraucht werden.
„Insbesondere
besteht mithin Gefahr, dass in der routiniertesten und auf
,Technikbeherrschung’ verkürzte Methodenverwendung der ,sozialpädagogische
Blick’ abhanden kommt, die auf die Bedingungen des Einzelfalls ausgerichteten,
fachlich fundierte, gleichwohl offene Suchhaltung gegenüber dem biographischen
Eigensinn, den ,Besonderheiten’ der Klienten ebenso wie gegenüber den
Eigenheiten der Lebenswelten und sozialen Netzwerken der Subjekte.“[1]
2.2.1.2 Definition
sozialpädagogischer Methoden
Dieses
erweiterte Methodenverständnis, dem der Begriff von Methode in dieser Arbeit zu
Grunde liegt, hat Galuske wie folgt definiert:
„Methoden der Sozialen
Arbeit thematisieren jene Aspekte im Rahmen
sozialpädagogischer/sozialarbeiterischer Konzepte, die auf planvolle,
nachvollziehbare und damit kontrollierbare Gestaltung von Hilfeprozessen
abzielen und dahingehend zu reflektieren und zu überprüfen sind, inwieweit sie
dem Gegenstand, den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, den
Interventionszielen, den Erfordernissen des Arbeitsfeldes, der Institutionen
sowie den beteiligten Personen gerecht werden.“[2]
2.2.2 Grenzen,
Probleme und Besonderheiten sozialpädagogischer Methoden
Wie bereits
beschrieben, befindet sich Soziale Arbeit in einem Spannungsfeld von
Allzuständigkeit, sozialstaatlichen Rahmenbedingungen und der Unauflösbarkeit
des Miteinanders von Hilfe und Kontrolle in der Interventionspraxis.
An Methoden in
der Sozialen Arbeit knüpft sich nun die Hoffnung, den Einsatz der
sozialpädagogischen Interventionen planbarer, kontrollierbarer, übersichtlicher
und nicht zuletzt machbarer zu gestalten.
Nicht nur
deshalb sind die Methoden der Sozialen Arbeit schon seit längerem Streitthema
unter Experten. Was für den Einen eine gutgemeinte Absicht, ist für den Anderen
die Gefahr einer inhumanen Interventionspraxis Sozialer Arbeit. Schließlich
habe es die Sozialpädagogik nicht mit der technischen Beherrschung von
Unbelebtem zu tun, sondern ziele auf die Beeinflussung der Menschen im Medium
ihrer sozialen Beziehungen ab.
Der Eingriff in
die Lebenspraxis der Klienten einerseits und die Wahrnehmung ihrer Autonomie
andererseits ist in der Tat höchst komplex. Dabei ist es notwendig, die
Selbstbestimmung des Klienten nicht nur auf der Ebene ethischer Postulate
abzusichern. Sonst besteht in der Praxis allzu leicht die Gefahr, dass die
Autonomie des Klienten nur solange gewahrt ist, solange er bei den
Interventionszielen und Methoden des Sozialarbeiters kooperiert. Widerspricht
und widersetzt er sich allerdings der in „guter Absicht“ und mit Hilfe
„fundierter Methoden“ ausgeklügelten Hilfeintervention, liegen Bezeichnungen
wie „mangelnde Einsichtfähigkeit“ oder „fehlender Wille“ nicht fern, und die
gemeinsame Problemlösung gerät zur Farce.
Die Vorstellung,
dass Klienten nun einmal Klienten sind und ihre Probleme genau aus diesem
Grunde nicht allein bewältigen können, gibt dem Sozialpädagogen Anlass,
kompetent stellvertretend für ihn Entscheidungen zu treffen. Um dieser
Reduktion vorzubeugen, bedarf es einer Besonderheit im Vorgehen der
Sozialarbeiter, einer methodischen Sicherung der Klientenrechte und damit der
Autonomie der Lebenspraxis.
In der heutigen
Methodendiskussion, in der die Adressaten der Sozialen Arbeit einen höheren
Stellenwert bekommen, ergibt sich daraus folgende Formulierung:
„Der
biographische und situative Eigensinn der Subjekte ist eine nicht hintergehbare
Vorraussetzung eines gelingenden Unterstützungsprozesses.“[3]
„Methodisches Arbeiten heute hat ... von der Notwendigkeit auszugehen, dass der
Klient selber den ihm gemäßen Weg finden muss“[4]
Wie eingangs
erwähnt, hat dies erhebliche Konsequenzen für die Methoden der Sozialpädagogik.
So ist es unmöglich, sich den Prozess der Hilfeleistung als eine Art
festgelegten Weg, vom Zustand A (hilfsbedürftig, defekt) zum Zustand B
(selbstständig, funktionierend) vorzustellen, der mittels Zwischenschalten
einer sozialpädagogischen Methode dorthin gelangt. Der Sozialpädagoge ist weder
autonom in der Zielsetzung noch in der Festlegung des Weges. Beide Aspekte sind
letztendlich Aushandlungsprodukte zwischen den Beteiligten. Der Klient ist in
diesem Sinne nicht einfach passiver Abnehmer eines Produkts, sondern vielmehr
Koproduzent, welcher aktiv am Prozess der Dienstleistungsproduktion beteiligt
ist; d.h., die Qualität der sozialpädagogischen Interventionen hängt
entscheidend davon ab, wie gut beide Parteien „miteinander umgehen können“.
Dies schließt sowohl die Kooperationswilligkeit, als auch die
Kooperationsfähigkeit von Sozialpädagogen und Klient ein. Will man die Qualität
von sozialen Dienstleistungen verbessern, bedeutet dies also, zunächst einen
Blick auf die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten zu werfen.
2.3 Sozialpädagogische
Beratung
In erster Linie
stellt Beratung eine Methode Sozialer Arbeit dar, die vergleichsweise eng mit
ihrem jeweiligen Konzept verknüpft ist. Da es für den weiteren Aufbau der
Arbeit dienlich ist, wird die sozialpädagogische Methode Beratung hier
exemplarisch dargestellt. Beratung ist zum einen zentrale Tätigkeit Sozialer
Arbeit die sich in vielen Kontexten und Konzepten wiederfindet, zum anderen
lässt sich am Beratungssetting besonders deutlich die Methodisierung aus der
Sphäre der Psychotherapie ausmachen.
Beratungsangebote
und -arten haben sich bis zum Ende der 90er Jahre immer weiter vergrößert und
verbreitet. Im Zusammenhang mit Beratung sind zahlreiche Elemente wie
lebensweltorientierter Ansatz oder psychologische Gesprächstechniken zu nennen.
Zuerst bedarf es jedoch der begrifflichen Klärung.
2.3.1 Gegenstandsbeschreibung
und Abgrenzung
Beratung ist
integraler Bestandteil jeder Kommunikation. Sie findet im Alltag von Individuen
wie im spezifischen, konstruierten bzw. arrangierten Beratungssettings statt.
Es gilt zwischen
Alltagsberatung und professioneller Beratung zu unterscheiden. Den weitaus größeren Anteil der Beratungsarbeit
fällt auf die Alltagsberatung, die zwischen Partnern, Freunden, Bekannten und
innerhalb der Familie stattfindet.
Im Gegensatz
dazu stellt die professionelle Beratung eine personenbezogene Dienstleistung
dar.
Drei allgemeine
Merkmale von professioneller Beratung sind festzuhalten:[6]
1. In
der Beratungsinteraktion herrscht eine spezifische Form von Rollenbeziehung.
Geht man von einer Situation mit zwei Individuen aus, so soll ein Teilnehmer
aus dem Beratungsgeschehen Nutzen ziehen, während der andere als „Mittel der
Veränderung“ akzeptiert wird. In der Alltagsberatung ist diese Rollenbeschreibung
nicht so scharf getrennt und wird nicht selten verwechselt.
2. Das
Medium der Beratung ist die Sprache. Probleme und Problemlagen werden als
verbale Botschaften in den Interaktionsprozess eingebracht, die Rückkopplung
ebenfalls verbal im Interaktionsprozess repräsentiert. Beratung vollzieht sich
damit im Kommunikationsprozess des wechselseitigen Sprechens, Hörens und
Verstehens.
3. Beratung
bezieht sich nur auf Probleme die derart gelagert sind, dass sie ein „mittleres
Maß“ nicht überschreiten. Damit ist gemeint, dass das zu beratende Individuum
noch ausreichend „funktionsfähig“ ist, um die aus der Beratung resultierenden
Ergebnisse oder Lösungsansätze in Handlungsschritte umzusetzen.
Sozialpädagogische
Beratung ist durch weitere Merkmale zu spezifizieren:
·
Sie ist hinsichtlich ihres Kompetenzbereichs ungenau
festgelegt. Im Gegensatz zur
psychologischen Beratung beispielsweise beruft sich sozialpädagogische Beratung
nicht ausschließlich auf eine theoretische Schule (humanistische Psychologie,
Lerntheorie), sondern ist in ihrem Feldbezug unklar.
·
Daran schließt sich die Allzuständigkeit des
sozialpädagogischen Berufs an. Im Bezug eines Feldes ist das Themen- und
Aufgabenspektrum sozialpädagogischer Beratung prinzipiell nicht begrenzt. Oder anders ausgedrückt: Alles, was im Alltag zum
Problem werden kann, kann auch zum Gegenstand sozialpädagogischer Beratung
werden. Den typischen Klienten Sozialer Arbeit gibt es zwar nicht, jedoch kann
man festhalten, dass viele Ratsuchenden „mehrfachbelastete Klienten“ sind.
Hierbei reicht die Palette von Beziehungsproblemen über Erziehungsfragen und
rechtliche Angelegenheiten bis hin
zu Fragen der Sinnsuche. „Die formale Zuständigkeit für alle im jeweiligen Feld
manifest werdenden Krisen und Konflikte zwingt den Sozialpädagogen, sich in
seinem Beratungshandeln notfalls äußerst pragmatisch zu orientieren. Eine
wissenschaftlich honorige ,Reduktion von Komplexität’, die reale Fakten
zugunsten ,sauberen, methodischen Arbeitens’ ausklammert, ist für den
Sozialpädagogen kaum möglich.“[7]
·
Aus diesem Umstand ergibt sich wiederum, dass sich
die Beratung in der Sozialen Arbeit nicht ausschließlich in einem bestimmten
Setting realisieren lässt. Sie ist demnach
offen für unterschiedliche Angebotsformen und vielfältige Adressatengruppen.
·
Mehr als jeder andere Beratungsansatz ist
sozialpädagogische Beratung eine Intervention, die darauf abzielt, Alltagstechniken
der Konflikt- und Krisenbewältigung zu beleben.
Sie klammert dabei den gesellschaftlichen Kontext notwendigerweise nicht aus.
Wie zu sehen
ist, bezieht sich der Begriff der sozialpädagogischen Beratung auf ein breites
Spektrum von Beratungstätigkeit. Es reicht demnach nicht, diese als
institutionale Aufgabe zu betrachten, da Beratung im Alltagsgeschäft des
„Miteinander-in-Beziehung-tretens“ der Sozialen Arbeit in unterschiedlichen
Handlungssituationen immer wieder anfällt. Das kann beim Thekendienst im
Jugendheim, beim gemeinsamen Frühstück oder dem Ausflug mit der Jugendgruppe
sein.
Um dies präziser
und anschaulicher zu machen, ist es notwendig, die Beratungstätigkeit von
Sozialpädagogen grob in zwei Formen zu unterteilen.
Soziale Beratung
kann nach Belardi unterschieden werden in:[8]
2.3.1.1 Funktionale
Beratung
Funktionale
Beratung ist Teil der üblichen Arbeit von Sozialpädagogen. Sie findet häufig,
jedoch nicht notwendigerweise, in sozialen Einrichtungen statt. Die Beratung
steht selten für sich alleine und ist mit anderen Tätigkeiten verknüpft. Mit
anderen Worten „... ist funktionale Beratung eine typische Querschnittfunktion
der Sozialarbeit. Man tut es, aber selten ausschließlich.“[9]
2.3.1.2 Institutionale
Beratung
Institutionale
Beratung findet in spezialisierten Beratungsstellen (mit den Schwerpunkten
Erziehung, Familie, Sucht etc.) statt und stellt dort den Hauptteil der
Tätigkeit von Sozialarbeitern dar. In der Regel kommen die Ratsuchenden in
diese Beratungsstellen, jedoch gibt es auch Versuche, institutionale Beratung
zu integrieren (betriebliche Sozialberatung).
2.3.2 Konsequenzen
sozialpädagogischer Beratung
Aus dem bis
hierher entwickelten Verständnis von sozialpädagogischer Beratung ist zu
erkennen, dass diese im Wesentlichen durch ihren Bezug auf den Alltag der
Klienten gekennzeichnet ist. Der Alltagsbegriff lässt sich nach Thiersch als
Schnittpunkt gesellschaftlicher Strukturen und individueller Biographie
definieren. Gewissermaßen als konkrete Verdichtung gesellschaftlich fundierter
Erfahrungen im Fokus des vorfindbaren Lebensarrangements.[10]
Somit ist Alltag als Bezugspunkt für die sozialpädagogische Beratung durch
komplexe, widersprüchliche Selbstverständlichkeiten, Regeln der
Problemselektion, charakteristische Problemlösungsstrategien und bewährte
Routinen des Klienten gekennzeichnet. Die Herausforderung für die
Sozialpädagogik liegt daher in der Balance zwischen Akzeptanz von
Alltagsroutinen und Offenlegung, Kritik sowie Veränderung von borniertem Alltag
zu agieren.
2.3.2.1 Methoden
und Verfahren sozialpädagogischer Beratung
Dem breiten
Verständnis sozialpädagogischer Beratung Rechnung tragend, lässt sich die
Benennung der Methoden von Beratung selbst nicht auf einige wenige reduzieren.
Jenes erscheint auch nicht sinnvoll, denn will die Soziale Arbeit dem Spektrum
des Alltags ihrer Klienten gerecht werden, bieten sich viele Verfahren an. Die
meisten von ihnen stammen aus der Psychotherapie (Aktives Zuhören, Zirkuläre
Fragen, Modelllernen) und sind sowohl für den Berater als auch für den Klienten
wichtig, um das Beratungsgeschehen zu strukturieren. Dieser Eklektizismus ist
typisch für die Soziale Arbeit und bietet Gefahren aber auch Chancen. Ohne das
Korsett einer formalistischen Beratungstechnik besteht die Gefahr des wahllosen
Pragmatismus und der planlosen Auswahl von Ansätzen. Auf der anderen Seite
eröffnet sich jedoch die Möglichkeit einer relativ wenig reduzierten und auf
Einzelaspekte zugeschnittenen Vorgehensweise der Beratung. Man kann also
formulieren: „Nicht die Methode bestimmt den Verlauf der Beratung, sondern das
Problem, der Gegenstand, die Lebensumstände bestimmen die Vorgehensweise.“[11]
Daraus leitet
Thiersch fünf Konsequenzen für die Gestaltung sozialpädagogischer Beratung ab:[12]
1. Diagnose
in der sozialpädagogischen Beratung ist immer „teilnehmende Diagnose“,
verstanden als gemeinsames Handeln, da sich die Einschätzung von Person,
Problem und Bearbeitungsressourcen nur in konkreten Situationen gemeinsamen
Handelns angemessen eruieren lassen.
2. Hilfe
konkretisiert sich durch „Umstrukturierung der Situation“, also durch
Erschließung materieller Ressourcen, Neudefinition sozialer Beziehungen,
Schaffen neuer sozialer Räumlichkeiten (Freundschaften, Schulwechsel,
Arbeitsplatzwechsel etc.).
3. Wenn
Alltag auch durch Selbsttäuschung, Borniertheit usw. gekennzeichnet ist, so
muss es die Aufgabe sozialpädagogischer Beratung sein, durch Konfrontation etc.
hinter die Fassade „öffentlicher“ Problemartikulation zu schauen.
4. Da
nicht davon ausgegangen werden kann, dass allein sprachlich vermittelte
Erkenntnis zur (gewünschten) Veränderung führt, gehört auch Training zum
Handlungsspektrum sozialpädagogischer Beratung.
5. Wenn
Beratung sich auf Alltag bezieht, so muss sie auch alltägliche Kontexte
(Gruppen, Gemeinschaften etc.) berücksichtigen und sich in ihnen realisieren.
2.4 Abgrenzung:
Sozialpädagogik – Psychotherapie
2.4.1 Institutionale
sozialpädagogische Beratung - Psychotherapie
Bei der
Abgrenzung von institutionaler sozialpädagogischer Beratung und Psychotherapie
sind die Unterschiedlichkeiten ähnlich gelagert. Jedoch nähert sich Soziale
Arbeit hier sowohl im situativen Kontext, als auch in der (Un)Flexibilität
ihrer Interventionen der Therapie an. Der Sozialarbeiter wird dabei ähnlich wie
der Therapeut in einem vorher festgelegten Setting tätig. In speziellen
Räumlichkeiten einer Einrichtung fungiert er dann als Berater.
Sozialpädagogische Beratung kann in dieser Form relativ breitflächig
(Allgemeine Sozialberatung) oder auch spezialisierter (Erziehungs- oder
Schuldnerberatung), in jedem Fall jedoch niederschwellig, angeboten werden.
Soziale Beratung richtet ihren Fokus dabei immer auf den Lebensalltag der
Klienten und beginnt, in ihm wirksam zu werden. Die Abgrenzung zur
Psychotherapie ist in diesem Punkt noch einmal deutlich: „Psychotherapie
konzentriert ihre Veränderungsimpulse auf die Innenwelt des Klienten. Es geht
ihm nicht um Modifikation von Situationen, sondern um die Veränderung der
Wahrnehmung von Situationen durch das (leidende) Individuum.“[17]
Die Umwelt bleibt auch bei institutionalisierter sozialer Beratung nicht außen
vor, sondern stellt eventuell eine problembeladene veränderbare Größe dar. In
methodischer Hinsicht bedient sich Beratung in der Praxis häufig bei
psychotherapeutischen Methoden und übernimmt diese in einen neuen
konzeptionellen Zusammenhang. Berater gehen eklektisch vor und integrieren
dabei Verfahren in ihr Beratungshandeln oder aber verwenden ausschließlich einen
methodischen Ansatz, der in angepasster Form zur Anwendung kommt. Dabei darf
Beratung nie zu einer Art „kleinen Therapie“ für minderschwere Fälle verkommen,
sondern muss in Abgrenzung zur Psychotherapie im Aufgabenfeld der Sozialen
Arbeit beratungsrelevante Probleme ansteuern.[18]
[1] Ebd., S.29
[2] Vgl. Galuske 2005, S.30
[3] Galuske 2005, S.55
[4] Greese 1992, zit. in Galuske 2005, S.55
[5] Sickendiek/Engel/Nestmann 2002, S.13
[6] Vgl. Thiersch 1977, S.101ff
[7] Thiersch 1977, S.104
[8] Vgl. Belardi, Nando in Chassé/Wensierski
1999, S.321
[9] Ebd., S.321
[10] Vgl. Galuske 2005, S.173,174
[11] Galuske 2005, S.177
[12] Vgl. Thiersch 1977, S.124ff
[13] Vgl. Hompesch-Cornetz/Hompesch 1984, S.1033
[14] Galuske 2005, S.137
[15] Ebd., S.142
[16] Vgl. Galuske 2005, S.142
[17] Ebd., S.187
[18] Vgl. Nestmann 1982, S.41
3. Beziehungsthematik
3.1 Gegenstandsbeschreibung
und Definition
Der Begriff der
Beziehung ist sehr weitreichend. Für den hier anstehenden Diskurs ist er Dreh-
und Angelpunkt. Das Problem der Definition eines universalistischen Begriffs
wie Beziehung liegt auf der Hand, denn jeder bringt ihn mit irgendetwas in
irgendeiner Form in Verbindung. Bei einer ersten Überlegung offenbart sich
scheinbar was Beziehung beinhaltet, was Beziehung ist. Diese Deutlichkeit
erfährt allerdings bei detaillierter Betrachtung eine Verzerrung. Beziehung
entfaltet viele Bedeutungen: Abhängig von dem Kontext in dem der Begriff
gebraucht wird, abhängig von den gesellschaftlichen Gegebenheiten und damit
auch abhängig von dem persönlichen Horizont des Individuums. Was Beziehung ist,
wird ständig neu in den Köpfen der Menschen ausgestaltet.
Beziehung ist
damit als „leerer Signifikant“ zu beschreiben. „Der leere Signifikant erfüllt
die Aufgabe, mittels einer Partikularität die Universalität des Diskurses zu
repräsentieren.“[1] Die
Bedeutung des Signifikanten „Beziehung“ muss entleert und universalisiert
werden, wenn damit die Allgemeinheit des Diskurses ausgedrückt werden soll. Je
stärker der Signifikant von seiner Bedeutung entleert werden kann, umso besser
eignet er sich dafür, die Äquivalenz der unterschiedlichen methodisch
abgehandelten Momente zu symbolisieren. In diesem Sinne ist Beziehung, in der
Funktion eines leeren Signifikanten, für die weitere Entwicklung des Textes von
immenser Bedeutung. Ohne dieses allgemeingültige Verständnis würde eine weitere
Abhandlung beinahe unmöglich.
Im Nachfolgenden
soll zunächst die Nichtvorstellbarkeit der Abstinenz von Beziehungen und
Notwendigkeit dieser in unserem Leben nachgewiesen werden. Der Schwerpunkt wird
hierbei auf zwischenmenschlichen Beziehungen gelegt, die sich anschließend grob
in formelle und informelle Beziehungen unterscheiden lassen. Daraufhin wird
anhand der Rollentheorie die Rolle des Sozialpädagogen und ihr
Entstehungsprozess, sowie die Beziehung zwischen Sozialpädagogen und Klienten
thematisch erarbeitet werden. Die Darstellung mündet in einer
Gegenstandsbestimmung von sozialpädagogischer Beziehungsarbeit, deren Rahmen
und Voraussetzungen notwendigerweise für den Aufbau des folgenden Kapitels, die
Adaption des provokativen Ansatzes für die Soziale Arbeit, diskutiert werden
müssen.
3.1.1 Definition
von Beziehung
Allgemein: „Eine
Beziehung verknüpft zwei oder mehrere abstrakte oder konkrete Dinge oder
Personen miteinander.“[2]
Dies bedeutet
zunächst einmal nur, dass bei einer Beziehung mindestens zwei Objekte oder
Subjekte miteinander in Verbindung stehen. Bei detaillierterem Hinsehen wird
allerdings deutlich, dass dies bei der menschlichen Wahrnehmung ständig der
Fall ist. Beziehung wird zu einem elementaren Baustein des Lebens selbst, denn
alles findet sich in Bezügen wieder.
Da die
Wahrnehmung und das Denken des Menschen in Bezügen stattfindet, besteht für ihn
eine Unmöglichkeit, sich selbst und andere/anderes nicht in Beziehung zu
betrachten. Dabei sind die Möglichkeiten des Bezugnehmens schier grenzenlos: Zu
Materiellem (z.B. Auto), zu Immateriellem (z.B. Arbeitsplatz), zu Fauna und
Flora (z.B. Haustier, Pflanze) und nicht zuletzt zu anderen Menschen (z.B.
Freunden). Diese Liste ließe sich ohne Mühe fortsetzen. Im Besonderen wird
letzterer Punkt nun zum Gegenstand: Zwischenmenschliche Beziehungen.
3.2 Zwischenmenschliche
Beziehungen
In der
Kommunikationstheorie findet sich das Axiom: „Man kann nicht nicht
kommunizieren“[3] Damit ist
die Unmöglichkeit des Menschen beschrieben, nicht zu kommunizieren, weil alles
Verhalten seinerseits Kommunikation bedeutet. Da für ihn ebenso nicht die
Möglichkeit des „Nichtverhaltens“ besteht, wird er ständig kommunizieren, ob er
will oder nicht. Dies legt theoretisch Kommunikation als Grundbaustein menschlichen
Seins dar.
Davon ausgehend,
das alles menschliche Verhalten Kommunikation bedeutet, ergibt sie sich als
Grundvoraussetzung für zwischenmenschliche Beziehungen. Ohne Beziehung bestünde
nicht die Möglichkeit zur Kommunikation und ohne Kommunikation gäbe es keine
Beziehung. Oder anders ausgedrückt: Watzlawick u.a. postulierten 1969: „Wir
finden ... in jeder Kommunikation einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt.“[4]
Das heißt, in jeder Kommunikation sagt der Mensch auch etwas darüber aus, in
welcher Beziehung er zum anderen steht. Axiomatisch formuliert: Man kann
sich nicht nicht beziehen.
Nach diesem Verständnis,
beinhaltet jeder Kontakt eine Beziehung, da selbst dann eine Beziehung zu einer
anderen Person besteht, wenn dieser Beziehung keine Beachtung geschenkt wird.
Somit muss alles zwischenmenschliche unter dem Aspekt der Beziehung betrachtet
werden.
Menschen sind in
vielfältige soziale Bezüge eingebettet. Dabei ist ihr Alltag bestimmt von
Beziehungen. Im Laufe seines Lebens knüpft der Mensch immer wieder neue
Beziehungen und andere geraten nahezu zur Bedeutungslosigkeit. Bezüge sind
dabei nie wahllos. Alle Beziehungen, die Menschen miteinander eingehen sind
durch Regeln determiniert. Diese sind, auch wenn sie nicht jederzeit bekannt
oder bewusst sind, immer vorhanden. Beziehungsregeln beinhalten
Verhaltensanweisungen die wiederum in Rollen festgeschrieben sind. Auf den
Rollenbegriff und der Aushandlung dieser zwischen Menschen wird später
zurückzukommen sein
3.2.1 Lebensnotwendige
soziale Verbindungen
Die Existenz des
Menschen baut auf sozialen Verbindungen auf. Von Lebensbeginn an, hat er
Kontakt zu anderen Menschen und kann ohne diesen, wenn überhaupt, nur
unzureichend überleben.* Er ist
dabei als Säugling nicht nur abhängig von der Ernährerfunktion seiner
Mitmenschen, sondern er benötigt auch physischen Kontakt um nicht zu
verkümmern. Säuglinge die sozialer und emotioneller Deprivation ausgesetzt
waren, so belegen Untersuchungen, können an den Folgen dieser sterben.[5]
Ein verwandtes
Phänomen lässt sich bei erwachsenen Menschen beobachten, die von einer
sensorischen Deprivation betroffen sind. Erfahrungsgemäß, kann schon eine
Entbehrung optischer und akustischer Reize auf Dauer, eine vorübergehende
Psychose hervorrufen bzw. zu geistigen Störungen führen.
Erwachsene die
sozialer Deprivation ausgesetzt waren, z.B. Menschen die Jahre in Einzelhaft
verbrachten, leiden unter ähnlichen Symptomen.[6]
3.3 Beziehungsformen
– Beziehungen in Rollen
Die
Möglichkeiten wie Menschen zueinander in Beziehung stehen können, erscheint bei
detaillierter Betrachtung grenzenlos. Eine Person wird mal als Freund oder
Partner, als Kind oder Elternteil, als Nachbar oder Fremder, als Kollege oder
in seiner beruflichen Rolle wahrgenommen. Und dies stellt nur ein geringes
Spektrum dar. Menschen finden sich somit gegenüber ihrer Umwelt jederzeit in
bestimmten Rollen wieder.
Der
Rollenbegriff in seiner sozialwissenschaftlichen Definition „...betont den
Aspekt der Erwartungen, die mit einer sozialen Position verbunden sind; Der
Positionsträger übt eine Rolle aus. Rolle wird dabei als Summe normativer
Erwartungen definiert, die andere Personen an den Inhaber einer Position
stellen.“[7]
3.3.1 Grundannahmen
der interaktionistischen Rollentheorie
Ausgangspunkt
der Überlegung des Handelns in Rollen ist die Theorie des „Symbolischen
Interaktionismus“ von George H. Mead.[8]
Der Kern seiner Theorie beschreibt den Kommunikationsprozess zwischen Subjekten
als einen gesellschaftlichen Prozess, aus dem heraus sich die Identität
entwickelt. Damit werden Beziehungen zu einer Grundlage für die Entwicklung des
Selbst (Identität). Mead stellt allerdings heraus, das bei der Kommunikation
zwischen Menschen zwei Aspekte als konstitutiv angesehen werden müssen: der
Einzelne teilt ein gemeinsames Symbolsystem (Sprache) mit dem Anderen, sodass
Verständigung möglich wird; und der Einzelne wird mit stabilisierten
Verhaltenserwartungen konfrontiert, die andere an ihn richten. Zwischen
verschiedenen Verhaltenserwartungen bestehen dabei systematische Differenzen,
die eine Interpretation von Normen, Erwartungen und Bedürfnissen erforderlich
machen.[9]
Situationen müssen demnach stets vom (kommunizierenden) Menschen interpretiert
werden und mit individuellem Handeln beantwortet werden. Ein selbst entworfenes
Handeln des Menschen dieser Art beinhaltet immer eine Darstellung seiner
eigenen Identität.
Die Basis der
Theorie Meads stellt die Interaktion dar, deren Signifikanz synonym zu
Kommunikation ist. Der Begriff der Rolle
ergibt sich dabei durch die Fokussierung des wechselseitigen
Aufeinander-Bezugnehmens der Menschen, das durch die Erwartungen an das
Verhalten anderer und das gedanklich vorwegnehmende Erwarten von den
Erwartungen an das eigene Verhalten gekennzeichnet ist. Das bedeutet, Rollen
sind nicht extern festgelegte Verhaltensanforderungen, sondern werden vielmehr
in der Kommunikation zwischen Menschen ausgehandelt und dabei individuell
gestaltet. Das wechselseitige Einbringen von Identitätsmerkmalen der
Beteiligten wird dabei mit den Begriffen „role-making“ und „role-taking“
beschrieben.[10]
Der Symbolische
Interaktionismus macht dies anschaulich indem er annimmt, dass eine Person zwei
„Ich-Identitäten“ in sich trägt, die innerhalb dieser miteinander in
Verhandlung treten: das persönliche „Ich“ (Ego) nimmt dabei die Funktion des
Individuums ein wobei das gesellschaftliche „ICH“ (Alter) die augenblickliche
Rolle dessen symbolisiert.[11]
·
Role-taking
bezeichnet nun die Fähigkeit von Ego sich in die Lage von Alter zu versetzen
und somit die Kommunikation mit dessen Augen zu wahrzunehmen. Durch diese
Perspektivübernahme ist es Ego möglich, die Erwartungen die Alter an ihn
richtet zu erkennen und die vorgeschlagene Rolle zu spielen oder diese zu
verweigern.
·
Role-making
meint das nun erfolgende Abgleichen, bei dem Ego durch sein Verhalten seinen
eigenen Identitätsentwurf einbringt, „... der nicht völlig deckungsgleich mit
der von Alter angesonnenen Rolle sein wird.“[12]
Ego reagiert im Normalfall also mit einem Kompromiss aus Akzeptanz und eigener
Ausgestaltung der angedachten Rolle auf den Alter wiederum reagieren wird.
Bei diesem Modell, bei dem eine
Gleichberechtigung und Gleichgewichtigkeit zwischen Ego und Alter, role-making
und role-taking besteht, wird eine vorgeschriebene Rolle demnach nicht einfach
ausgeführt, sondern auf der Basis einer vom anderen unterstellten Rolle im
eigenen Handeln geplant und entworfen.
Je nachdem
welcher persönlichen und gesellschaftlichen Art die Beziehung zwischen Menschen
ist, bzw. welcher soziale Kontext sie gestaltet, insoweit ist auch das Interpretationsfeld
der Rollen begrenzt. Haben Menschen, die sich außerhalb ihres beruflichen
Rahmens (privat) auf einer Party kennen lernen die Möglichkeit, ihre Rollen
vielseitig untereinander auszuhandeln oder vorzeitig die Kommunikation
abzubrechen, so sind die Erwartungen an eine Rolle in Institutionen im
beruflichen Kontext vorab festgelegt. Der Prozess des Aushandelns wird dadurch,
dass die Erwartungen einer Institution auf Dauer angelegt sind, erheblich
eingeschränkt. Im Folgenden wird die Differenzierung zwischen diesen zwei
grundsächlichen Beziehungsformen herausgearbeitet, um sie für die berufliche
Rolle des Sozialpädagogen zu verdeutlichen.
3.3.2 Formelle
und informelle Beziehungen
Menschen
begegnen sich in formellen (z.B. berufsbedingte Beziehungen) wie auch in
informellen Beziehungen (z.B. Familienbeziehungen). Als Träger von Rollen
zeigen sie damit letztendlich nur einen ganz bestimmten Ausschnitt ihres
Menschseins. Rollenbeziehungen lassen sich also anhand von Formalität bzw.
Informalität unterscheiden. Das bedeutet aber nicht, dass eine Beziehung in
ihrer Gesamtheit formell sein muss, oder dass Familienbeziehungen automatisch
informell sein müssten. Zwischenmenschliche Beziehungen tendieren eher dazu,
sich auf die eine oder die andere Seite zu bewegen, ohne dass die
Beziehungsmodalität festgelegt wäre. Aus diesem Verständnis heraus lassen sich
die folgenden Beziehungsmuster, in denen Max Weber formell und informell
gegenüberstellt, eher als idealtypisch charakterisieren:[13]
1. Partikularistische
versus holistische Sichtweise: In
formellen Beziehungen wird der Mensch eher partikularistisch, in informellen
eher holistisch wahrgenommen. Partikularistisch meint hier, dass man von dem
anderen nur einen bestimmten Teil kennen lernt, ihn nur in einer Rolle agieren
sieht (z.B. als Arzt). Lebt man jedoch in einer engen Partnerschaft mit einem
anderen Menschen, kennt man mit großer Wahrscheinlichkeit sehr viele Seiten und
somit auch mehrere Rollen (z.B. Partnerrolle und Vaterrolle), die sich zu einem
ganzheitlichen Bild zusammenfügen.
2. Strukturiertheit
und Rationalität versus Unstrukturiertheit und Emotionalität: Formelle Beziehungen, zeichnen sich dadurch aus,
dass sie strukturiert sind. Das heißt, dass sowohl Ziele und Zwecke klar
vorgegeben sind, als auch die Mittel und Normen, mit denen diese Ziele erreicht
werden sollen. Dagegen sind informelle Beziehungen eher unstrukturiert, weniger
ziel- und zweckorientiert und haben eine größere sozial-emotionale sowie
affektive Komponente. Entscheidend bei ihnen ist häufiger die Sympathie
zwischen den Interaktionspartnern.
3. Verhaltensvorgabe
versus Verhaltensfreiheit: Die Inhalte
werden in formellen Beziehungen von einer äußeren Instanz bzw. durch
spezifische Zielsetzung vorgegeben. Die einzelnen Beteiligten müssen sich
innerhalb der Beziehung danach richten. Damit werden sie häufig gezwungen,
einen Teil ihrer Individualität auszuschalten und können die Beziehung nur
schwerlich nach Belieben beenden. In informellen Beziehungen können die
Interaktionspartner den Inhalt ihrer Kommunikation selbst bestimmen. Es steht
ihnen eine sehr viel größere Bandbreite von Verhaltensweisen zur Verfügung.
4. Entpersonifizierung
versus Individualität: Aus dem bisher
dargelegten lässt sich erschließen, dass die formelle Beziehung sehr viel
unabhängiger von spezifischen Personen ist, als die informelle Beziehung.
Während in einer Freundschaft gerade die Individualitäten der Partner wichtig
sind, sind die Beziehungspartner in einer formellen Beziehung relativ leicht
austauschbar: Eine geschäftliche Unterredung kann stellvertretend auch von
einem anderen Mitarbeiter durchgeführt werden.
3.3.3 Das
Aushandeln der Rollen von Sozialpädagoge und Klient
Durch
vorangegangene Differenzierung wird deutlich, dass berufsbedingte Beziehungen
in der Regel formellen Charakter besitzen. Es ist aber ebenso erkenntlich
geworden, dass Rollen ein Aushandlungsprodukt im Subjekt selbst und zwischen
Subjekten sind. Wenn der Sozialpädagoge und der Klient das erste Mal
aufeinandertreffen müssen sie sich demnach darüber einigen, welche
Verhaltensweisen aus dem breiten Angebot des Miteinanderumgehens für die
Beziehung als stimmig empfunden werden. „Jedes Verhalten dem anderen gegenüber
enthält auch den Versuch einer Beziehungsdefinition – die ist für den Sender
ebenso unvermeidbar, wie es für den Empfänger unvermeidbar ist, darauf
zustimmend oder ablehnend zu reagieren.“[14]
Wenn
Sozialpädagoge und Klient ihre Beziehung aushandeln hat der Empfänger des
Beziehungsvorschlags stets vier charakteristische Möglichkeiten zu reagieren:[15]
·
Akzeptieren.
Erlebt der Empfänger die Verhaltensweisen des Senders als stimmig, wird er sich
zustimmend verhalten. Das kann auch bedeuten, dass der Sozialpädagoge der
Forderung des Klienten nicht nachkommen wird, er es aber berechtigt und stimmig
empfindet, dass der Klient diese an ihn stellt.
·
„Durchgehen lassen“. Der Empfänger stimmt der Beziehungsdefinition zwar nicht zu, wendet
sich aber nicht sichtbar oder nur indirekt gegen sie. Der Sozialpädagoge könnte
demnach sachlich auf eine herausfordernde, aufreizende Frage eines Klienten
reagieren.
·
Zurückweisen.
Dabei gibt der Empfänger klar zu erkennen, das er dem implizierten Vorschlag
der Rollenausgestaltung des Senders nicht folgt. Die Reaktion des
Sozialpädagogen auf ein vom Klienten geäußertes Verhalten könnte z.B. die
deutliche Botschaft enthalten: „Nein, in diesem Rahmen ist unsere Beziehung
nicht mehr angesiedelt.“
·
Ignorieren. Der
Empfänger verweigert dabei jede erkennbare Reaktion und entwertet dabei
gleichsam die Beziehungsdefinition des Senders. So könnte der Klient einen
freundlichen Gruß des Sozialpädagogen nicht erwidern und keine Reaktion zeigen.
3.3.3.1 Drei Grundarten von
Beziehungen
Die
Verantwortung für die Klarstellung, für die Definition der Beziehung, liegt
beim Sozialpädagogen. Es ist seine Aufgabe diese in eine Form zu lenken, in der
der institutionell vorgegebene Unterstützungsprozess produktiv stattfinden
kann. Die Vielfalt der möglichen Beziehungen welche die Beteiligten miteinander
eingehen können, hat Schulz von Thun nach einem Modell von Jay Haley in drei
Grundarten von Beziehungen eingeteilt:[16]
Symmetrische Beziehungen
Symmetrisch ist
eine Beziehung dann, wenn ihre Akteure gleichberechtigt, partnerschaftlich und
paritätisch zueinander stehen. Sie befinden sich damit auf der gleichen Ebene
und können gleiches Verhalten zeigen.
Komplementäre Beziehungen
Unter
komplementären Beziehungen sind solche zu verstehen die durch eine Asymmetrie
bestimmt sind. Der Hauptaspekt dieser Beziehungen ist in irgendeiner Form von
einem Gefälle bestimmt: Lehrer – Schüler, Eltern – Kind etc.. Die
Verhaltensweisen der Personen ergänzen sich und sind gleichsam aufeinander
zugeschnitten. Meist impliziert der Unterschied zwischen beiden eine Über- und
eine Unterlegenheit.
Metakomplementäre
Beziehungen
Metakomplementäre
Beziehungen sind grundsätzlich asymmetrische Beziehungen. Bei dieser Art von
Beziehung erlaubt ein Akteur seinem Beziehungsgegenüber über ihn zu verfügen
oder ihm zu helfen oder zu lenken etc.. Das bedeutet, dass einer der
Beziehungspartner scheinbar die Oberhand hat (im asymmetrischen Gefälle
überlegen ist), da jenes aber von seinem Gegenüber initiiert wurde, steht
dieser objektiv betrachtet auf einer höheren Stufe. Ebenso ist es denkbar, dass
ein Akteur eine gleichrangige Beziehung herbeiführt in der die Beteiligten
symmetrisch zueinander stehen. Dadurch das einer der beiden die Beziehung
jedoch bewusst erlaubt, wird sie asymmetrisch und damit metakomplementär.
Die Beziehung
zwischen Sozialpädagoge und Klient ist dann für den Unterstützungsprozess
dienlich strukturiert, wenn die Rollenverteilung im Sinne der Asymmetrie
eindeutig festgelegt ist.
3.3.4 Die
Strukturierung der Beziehung zwischen Sozialpädagoge und Klient
Aus dem eben
gesagten wird deutlich, das die Beziehung von Sozialpädagoge und Klient
formellen Charakter hat und in einem Aushandlungsprozess eine entsprechende
Klarstellung der Beziehungsdefinition von Seiten des Professionellen verlangt,
nach der sich der Klient richten kann. Da zwischen Beiden ein Macht-, Wissens-
und aller Regel nach Problembedürftigkeitsgefälle herrscht, ist die Beziehung
als komplementär zu definieren. Wie im Weiteren aufgezeigt wird, ist es Teil
der Professionalität des Sozialpädagogen diese Asymmetrie weder zu verletzen
(Solidarisierung, Rollentausch etc.) noch durch unangemessenes Vergrößern
(Expertenrolle, Autoritätsanspruch etc.) zu deformieren.
Die Arbeitsbereiche in denen Soziale Arbeit geleistet wird, sind wie im vorherigen Kapitel beschrieben sehr vielfältig. Die Beziehung, die Sozialarbeiter zu ihren Klienten haben, kann demnach in ihren Details nur schwerlich generalisiert werden. Ein Sozialarbeiter der in einer Erziehungsberatungsstelle tätig ist, wird eine andere Beziehung zu seinen Klienten aufbauen, als der Sozialpädagoge, der in der Frühförderstelle oder der psychiatrischen Station eines Krankenhauses arbeitet. Einen einheitlichen Beziehungskanon wird es also in dieser Form nicht geben. Zudem hängt die Beziehungsgestaltung auch in gewissem Maße mit der Methodenfrage zusammen, der sich ebenfalls das letzte Kapitel widmete. Verfolgt ein Sozialarbeiter einen erlebnispädagogischen Ansatz, wird sich seine Beziehung zum Klienten anders darstellen