"Zu dick, zu blond, zu blöd", Der Spiegel, Heft 49/1999

Susanne Beyer führte ein Interview für den SPIEGEL durch, das in Heft 49/1999 in der Rubrik "Gesellschaft - PSYCHOLOGIE" unter dem Titel "Zu dick, zu blond, zu blöd" erschien.

Die Provokative Therapie wird darin als Kurzzeittherapie gekennzeichnet, die angeblich im Trend liege.Im Folgenden sind einige Auszüge aus dem Gespräch zitiert.


SPIEGEL: Frau Dr. Höfner, die Psychotherapie bietet in der Stressgesellschaft Menschen Zuflucht, die auf Seelenfrieden hoffen. Sie aber beschimpfen Ihre Klienten pausenlos. Warum das?

Höfner: Beschimpfen ist nicht das richtige Wort, provozieren trifft es besser.

SPIEGEL: Also gut, Sie provozieren. Auch das erwartet ein Klient norrnalerweise nicht von seinem Therapeuten.

Höfner: ... Oft ist gerade das Unerwartete besonders heilsam. .... jeder von uns hat Denkblockaden. Wir denken in eine bestimmte Richtung, und da stecken wir fest. In meinen Therapien steige ich ein in die Sicht, die der Klient von sich und seinem Umfeld hat, und karikiere die selbstschädigenden Anteile. Das kann natürlich mal wie eine Beschimpfung wirken, aber mir geht es eigentlich um die Karikatur, die humorvolle Übertreibung. Der Klient soll über sich selbst lachen können.

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Die meisten meiner Kollegen sagen ihren Klienten: "Sie schaffen es, Sie finden aus Ihrem Unglück heraus." Ich aber sage: "Sie schaffen es eh nicht, Sie sind zu alt, zu dick, zu blond, zu blöd - vergessen Sie`s." Wenn ich so etwas sage, fangen die Leute meistens an zu protestieren, mich zu widerlegen, weil sie eben doch noch an sich glauben. Und so beginnt eine Veränderung.

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SPIEGEL: Wie gehen Sie in der Paartherapie vor, hetzen Sie die Partner gegeneinander auf?

Höfner: Wenn Sie so wollen, ja. Meistens schleppen Frauen ihre Männer zu mir und beklagen sich nach Kräften über sie. Ich schütte dann Kohlen ins Feuer, bemitleide die Frau für ihr schreckliches Schicksal, mit so einem Idioten zusammenzuleben. Irgendwann fängt sie an, ihn zu verteidigen und nette Seiten anzuführen. Und oft hat sie dann das erste Mal seit Jahren etwas Freundliches über ihn gesagt. So etwas beeinflusst eine Beziehung positiv.

SPIEGEL: Sie sind in Ihren Sitzungen sehr dominant, reden und werten viel. Damit verstoßen Sie gegen eherne Gesetze Ihres Berufsstandes. Wie rechtfertigen Sie das?

Höfner: Ich habe ein gutes Gewissen. Wissen Sie, ich habe jahrelang Gesprächstherapien durchgeführt, und ehrlich: Ich habe mich gnadenlos gelangweilt. Ich kann mir einfach nicht fünf Stunden hintereinander dasselbe anhören. Und mit diesem Gefühl bin ich nicht allein. Zu mir kommen immer mehr Kollegen und andere Leute aus helfenden Berufen, die am Burnout- Syndrom leiden, weil sie die ewigen Redundanzen nicht mehr aushalten.

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Der typische Fall geht so: Ein Klient kommt zum Therapeuten und fühlt sich wie ein schlapper Ballon. Der arme Therapeut pumpt den Klienten mühevoll auf, sagt: "Du bist wertvoll, du bist toll." Dann verlässt der Klient aufgepumpt die Praxis, und der nächste Mensch, der nicht so verständnisvoll ist, sticht zu, der Ballon fällt zusammen. Der Klient kommt in der nächsten Woche zum Therapeuten und klagt: "Das Leben ist grausam." Dann fängt der Therapeut wieder an: "Du bist toll", pumpt und pumpt. So viele Leute erzählen mir, sie hätten einen wunderbaren Therapeuten, bei dem sie sich fühlten wie im warmen Bad, aber leider ändere sich ihr Leben nicht.

SPIEGEL: Warum, glauben Sie, ändert es sich nicht?

Höfner: Weil Therapeuten meist verzweifelt nach den morschen Stellen im Leben ihres Gegenübers suchen, anstatt zu gucken, wo die vitalen Seiten sind. Wenn jemand die furchtbaren Taten der Eltern als Entschuldigung für alles Weitere nimmt, dann fange ich an zu provozieren. Nie und nimmer kann ich die Vorbedingungen eines Lebens ändern, auch nicht mit der phantastischsten Therapie. Aber ich kann sie anders sehen.

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SPlEGEL: Bei allem Respekt: Überschätzen Sie nicht die Wirkung Ihrer Methode? Die Leute quälen sich ein Leben lang mit einem Problem, und Sie behaupten, es in vier, fünf Stunden lösen zu können.

Höfner: Ich löse kein Problem, ich stoße den Lösungsprozess an. Aber es klingt typisch deutsch, was Sie da sagen. Ich kenne das Gerede: Eine Intervention ist nur dann sinnvoll, wenn sie a) mit möglichst schweren seelischen Krämpfen einhergeht und wenn sie b) möglichst lange dauert. Veränderung in kurzer Zeit kann nicht sein, da verschieben sich nur die Symptome. Der Trend zu Kurzzeittherapien zeigt doch, dass sich die Leute nicht jahrelang auf die Couch legen wollen, bevor sich etwas tut.

SPIEGEL: Ihre Methode kommt aus den USA, und sie scheint vom amerikanischen Leistungsdenken inspiriert. Du schaffst, was du willst, du schaffst es schnell ...
Höfner: Täuschen Sie sich nicht. Think pink liegt mir nicht, aber der Glaube an die Möglichkeiten von Menschen, der liegt mir. Therapie in Deutschland ist häufig verdüstert, der gesunde Menschenverstand wird oft vergessen. Um provokativ zu arbeiten, braucht man einen guten Instinkt. ...SPIEGEL: Gibt es Klienten, die sich ... gekränkt oder veralbert fühlen?

Höfner: Nein. Nonverbal ... vermittle ich, dass ich etwas anderes glaube, als ich sage. Die nonverbale Botschaft lautet: "Du bist mündig, du bist stark, du schaffst es." Es gibt kaum Missverständnisse.

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SPIEGEL: Wie erziehen Sie Ihre Klienten zur Selbständigkeit?

Höfner: Wenn es sein muss, sage ich ihnen: "Sie können weiter fett und faul auf Ihrem Hintern sitzen bleiben, bitte schön, das ist Ihr Privatvergnügen, mir ist es Wurscht, wenn Sie aus sich nichts machen. Den Hauptgewinn aber werden Sie so nicht ziehen." Sie können mir glauben: Das meine ich genau so, wie ich es sage.


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