von Birgit Bernhardt
Im Sommer 2002 hab ich das erste Mal von diesem Mann gehört. Bernhard Ludwig, ein Wiener Seminar-kabarettist (www.seminarkabarett.com), erwähnte ihn öfter auf seiner CD "Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit." Mein Interesse wuchs innerhalb kürzester Zeit und am Höchststand besorgte ich mir Bücher zum Provokativen Stil und der Provokativen Therapie.
Was ich zu lesen bekam war revolutionär, urkomisch, fantastisch. Alle Regeln der Psychotherapie schien Frank Farrelly hier als Therapeut in seiner Arbeit zu brechen. In den Gesprächsprotokollen mit einzelnen Klienten las ich, wie Frank mit den Menschen sprach- er zeigte sich als ihr verzerrter Spiegel, potenzierte das Problem, unterbrach den Klienten, berührte ihn, sprach manchmal in einem deftigen, wohlwollenden Stil mit ihm, Frank als Therapeut lachte, der Klient lachte über sich selbst ..... Unwahrscheinlich. Wie das aber eben oft mit Büchern so ist, die ganze Dimension erfasste ich so nicht, diesen Mann und seine Arbeit wollte und musste ich kennen lernen.
Im September war ich plötzlich wieder bei der Frage angelangt, wie das Wort Zufall von mir definiert würde. Die Aussage: Zufall kommt von "mir fällt etwas zu", bestätige ich hiemit. Beim Durchschauen der Post fällt mir eine kleine Zeitung des Grazer Institutes für Kind, Jugend und Familie in die Hände. Auf der letzten Seite, kleinstgedruckt,- meine Augen werden immer größer, der Mund steht mir offen, da steht es- nein er. Frank Farrelly - höchstpersönlich -Mitte November 2002- in Wien. Jede Menge passierte noch in der Zwischenzeit- aber pünktlich am 15.11. stand ich bei der Registratur im Kardinal König Haus, bekam meine spärlichen Arbeitsunterlagen und suchte mir einen Platz im Saal.
Ein kleiner, rundlicher, lustiger , sympathischer älterer aber sehr spritziger Herr ging auf die Bühne, nahm auf einem von drei gemütlichen Jugendstilsesseln Platz und begann über seine Arbeit zu erzählen.
Mehr als das Erzählte ließ ich aber zuerst einmal seine Ausstrahlung auf mich wirken- und kam zu dem Schluss - von ihm konnte man solch Ungeheuerlichkeiten annehmen, denn kein Quäntchen Zynismus, keine Überheblichkeit und kein Funken Antipathie schwingt in diesem Menschen.
Frank Farrelys Ansatz in der Therapie ist der , dass sich jeder Mensch- egal wie alt- ändern kann- Beisatz: wenn er es will. Das find ich einen sehr schönen, positiven Ansatz- wie oft hört man, ab 30 ändert sich keiner mehr. Einmal Opfer- immer Opfer. Frank ist fest davon überzeugt, dass auch psychisch kranke Menschen mündig, gleichwertig und stark sind und dass man deshalb offen und ehrlich mit ihnen sein kann und muss.
Noni Höfner, deutsche Therapeutin, nachdem sie Frank 1985 kennen lernte, schreibt in ihrem Buch "Das wäre doch gelacht": Ich hatte gerade beschlossen mich aus der Einzeltherapie zurückzuziehen. Mein Verstand und mein Körper signalisierten eindeutig, dass die mir auferlegte professionelle Zurückhaltung bei der Arbeit nicht gut für die Klienten waren. Menschen mit seelischen Problemen begannen mich ebenso zu nerven wie die Aussicht, diesen womöglich acht Stunden am Tag zuhören zu müssen, und ich hatte nicht die Absicht, mit der Berufskrankheit der Heilberufe zu enden: dem inneren Ausbrennen oder dem Sprung aus dem Fenster."
Das wichtigste Element der Provokativen Therapie ist der Humor. Frank treibt verschiedene Situationen in den Sitzungen auf die Spitze, um den Klienten dahin zu bringen, dass er die Komik und den Unsinn seiner erstarrten Position erkennt. Es ist eine Kurzzeittherapie, im Durchschnitt sind es 20- 25 Sitzungen, Schizophrene Patienten brauchen rund 100 Sitzungen, bei anderen Problemen reichen oft schon zwei Sitzungen aus. Das macht diese Form der Therapie gerade auch so interessant und wertvoll für mich.
Die Provokative Therapie beruht auf zwei zentralen Hypothesen:
Die Erste bezieht sich auf das Selbstbild des Klienten: Wenn der Klient vom Therapeuten provoziert wird (humorvoll, ersichtlich und innerhalb seines eigenen internalen Bezugssystems), wird er dazu neigen, sich anders, als der Therapeut von ihm erwartet, verhalten.
Die zweite Hypothese konzentriert sich auf das offene Verhalten des Klienten: Wenn der Klient vom Therapeuten in provozierender Weise (humorvoll und ersichtlich) gedrängt wird, mit seinem selbstzerrstörerischen abweichenden Verhalten fortzufahren, wird er dazu neigen, sich auf Verhaltensweisen einzulassen, die für ihn selbst und für andere Personen förderlich sind.
Ein Ansatz ist , dass wir es in der Therapie mit menschlichem Leid, Problemen und Schmerz zu tun haben, die für den Klienten und seine Bezugspersonen oft tragische Folgen haben. Durch die tragische Maske allein wird aber das Leben nicht ausreichend symbolisiert. Da gehört auch die komische Maske dazu.
Lachen ist die Sprache des Sieges. Als provokativer Therapeut redest du mit den Klienten so wie mit guten Freunden, du drückst dich nicht akademisch aus, du sprichst in der Lautstärke, dem Tempo, der Betonung und in der Sprache des Klienten. Gute Freunde kommen in Gesprächen vom 100-sten ins 1000-ste und doch bleibt das Thema rund und es gibt einen Rückbezug. Für das Gespräch gibt es keinen Plan an den sich Therapeuten halten sollen, denn wenn ich mit Freunden essen gehe, hab ich auch keinen Plan im Kopf was ich jetzt alles sagen werde. Als Therapeut darf ich mich auch verlieren, genauso wie das die Klienten oft tun.
Frank erzählte von einem Gespräch mit einem schizophrenen Klienten im Krankenhaus. Irgendwann sagte er zu Frank: "Du bist ja genauso verrückt wie ich." Frank: "Ja aber jedes mal, wenn ich mich verrückt verhalte, krieg ich Geld dafür, du aber wirst eingesperrt."
Frank und sein Ansatz ist nicht nur Eine Therapieform, sondern kann im Leben ein Teil deines Stils werden, wie viel offener bist du, wenn du lachen kannst, wie viel sympathischer erscheinen Menschen, die mit offenem Herzen lachen. Wenn du jemanden wirklich magst und das muss keine lange intensive Beziehung zwischen euch voraussetzen, dann sei humorvoll und nicht immer nur auf der Schiene: "Ich kann gut spüren wie´s da jetzt geht, oder: ja, das löst jetzt auch eine Betroffenheit in mir aus, ich merk richtig wie i des innerlich wahrnimm, bla bla bla." Wir kennen das ja alle und vielleicht erkennen wir uns sogar selber.
Noni Höfner, die ich schon weiter oben zitierte, schreibt: "Bei der Vorstellung, dass Veränderungen nur durch Leiden zu erreichen sind, werden zwei Dinge verwechselt: Leiden während des Veränderungsprozesses und Leidensdruck. Natürlich ist ein gewisser Leidensdruck erforderlich, um zu bewirken, dass der Klient überhaupt zur Therapie kommt. Wenn er aber einmal da ist, ist der Schlüssel zu seiner Veränderung nicht die Tiefe seines Leidens im Veränderungsprozess, sondern seine emotionale Beteiligung. Verhaltensänderungen alleine aus Einsicht, ohne Anbindung an die Gefühle, sind nicht möglich. Diese emotionale Beteiligung lässt sich aber nicht nur durch Leiden, sondern ebenso durch befreiendes Gelächter erreichen."
Frank zu einer Frau, die vier Ehen hinter sich hat: "Wie wirst du es versuchen, auf acht zu kommen? Wenn etwas irgendwie gut ist- mehr davon ist besser. Ah, ja. Also Männer sind alle Fabrikationsfehler. Es gibt keinen Mann, der ohne Defekt ist. Und um für diese Frau eine perfekte Bindung mit Männern herzustellen -sie wird mit Sicherheit achtmal heiraten-, könnten alle zusammen einen perfekten Mann ergeben. Natürlich werden es dann achtmal so viele Defekte sein. Und es ist kein Wunder, dass so viele Frauen ärgerlich, depremiert und bitter sind. Männer sind für Frauen wirklich eine echte Enttäuschung." Sie sagte: "Ja, das ist wahr." Frank sagte: "Klar, du hast vier Enttäuschungen geheiratet." Und so weiter, usw.
Ich kann darüber nachdenken und schreiben so viel ich will, trotzdem bin ich nicht vollständig zufrieden. Es fehlt etwas Wichtiges, das ich nicht in Worten fassen kann. Ich glaube aber an die Macht des Wortes.
Der Basisworkshop war eines der besten Fortbildungswochenenden, die ich jemals erlebt habe, mit nachhaltiger Wirkung und Veränderungen. Nach drei ausgefüllten Tagen bin ich nicht ausgelaugt, müde und reif fürs Bett zu Hause ange-kommen, viel mehr hatte ich Energien, die für weitere fünf Tage Frank Farrely Intensivworkshop locker gereicht hätten.
Man muss Frank Farrelly gesehen, gespürt, mit allen Sinnen und einem offenen Herz erlebt haben. Worte reichen hier nicht aus.
Kontakt:Birgit Bernhard: e-mail: bernhardt.b(AT)utanet.at